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Brief aus Istanbul : Lieber fleischlos essen

  • -Aktualisiert am

Die türkische Küche hat viel mehr zu bieten als Fleisch – zum Glück. Bild: Picture-Alliance

Warnung an alle, die dieser Tage in die Türkei reisen: Mehrere Dutzend Menschen wurden mit Milzbrand ins Krankenhaus gebracht. Doch die Politiker erklären Fleisch für unbedenklich.

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          Für uns Bürger der Türkei war es seinerzeit nicht sehr angenehm, in direkter Nachbarschaft zur Sowjetunion zu leben. Als Außenposten Europas und der Nato an der Spitze der Ziele der gegnerischen Front zu stehen war für uns stets eine Quelle nervöser Anspannung. Hier sei gleich eine Klammer geöffnet: Auch wenn die Sowjetunion zusammengebrochen ist, erleben wir noch immer, wie nachteilig es ist, ganz im Osten des Westens zu liegen. Wir finden alle Nahost-Krisen in unserem Schoß wieder. Wir werden zur Brücke für die Wanderbewegungen der Flüchtlinge wie auch für die Infiltrierung Europas durch die Dschihadisten.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Zurück in die Vergangenheit – Preis dafür, am äußersten Rand des „westlichen Ufers“ zu liegen, war nicht allein, geographisch direkter Nachbar der Sowjetunion zu sein. Auch alle Arten des Nervenkriegs zwischen den beiden Supermächten betrafen uns unmittelbar. Als die Sowjetunion Raketen mit atomaren Sprengköpfen auf Kuba stationierte, um die Vereinigten Staaten zu bedrohen,verschiffte das Weiße Haus unverzüglich die gleichen Waffen auf unser Territorium. Und zwar gegen Moskau gerichtet.

          Es ging nicht nur darum, im Kalten Krieg im Schatten der Rüstungsspirale zu liegen. Unsere strategische Position warf auch ihren Schatten auf die Entwicklung der Demokratie in unserem Land. Nahezu alle demokratischen Bewegungen in der Türkei wurden von rechten Regierungen in der Angst vor „Kommunismusgefahr“ unterdrückt. Aus demselben Grund erhielten in der Türkei Militärregimes, die linke und demokratische Bewegungen aufs Korn nahmen, stets Unterstützung aus den Vereinigten Staaten, die in ihrem Anspruch, Demokratie in die ganze Welt zu exportieren, mit allen Militärregierungen in der Türkei eng zusammenarbeiteten.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Immer waren wir gezwungen, uns an einem Spruch Ibn Chalduns, des berühmten Denkers des Islam des 14. Jahrhunderts, festzuhalten: „Geographie ist Schicksal.“ Auch wir hätten viel lieber Norwegen und die Niederlande zu Nachbarn gehabt. Doch unser von Chaldun postuliertes Schicksal als Pufferzone zwischen zwei Supermächten können wir nicht ändern. Wir hatten uns in unser Schicksal gefunden, da kam es nur fünf Jahre vor dem Ende der Sowjetunion zu einem Super-GAU.

          Die Explosion 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine war mehr als 200 Mal so stark wie die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben. Bei der Explosion kamen unmittelbar im Kernkraftwerk 31 Arbeiter ums Leben. Zehntausende Bewohner der Region litten unter den Folgen. Die Anzahl der Krebserkrankungen explodierte. In Osteuropa löste der GAU eine Panik aus, auch in der Schwarzmeerregion im Norden der Türkei wurde man nervös. Die durch den Unfall ausgelösten radioaktiven Wolken erreichten auch die Gestade der Türkei und regneten auf unseren Boden nieder. Während in den Vereinigten Staaten damals niemand, der sich fünf Monate in der Türkei aufgehalten hatte, Blut spenden durfte, verschlossen die Regierenden bei uns die Augen vor den Folgen von Tschernobyl für die Türkei.

          Selbst in Istanbul wurden damals um das Tausendfache erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. Den Verantwortlichen zufolge war das aber ohne jede Bedeutung. Der Vorsitzende der türkischen Atomenergiebehörde bestritt, dass Radioaktivität das Land erreicht hätte, und selbst wenn: „Sie hat keine Folgen, selbst wenn sie die Türkei erreichen sollte“, erklärte er.

          Der Niederschlag von Radioaktivität in der Schwarzmeerregion bedeutete aber ein enormes Risiko für die dortige Tee- und Haselnussproduktion. Der Generaldirektor des staatlichen Tee-Konzerns Çaykur vertrat indes die Ansicht, die Panik sei eine „Intrige des Westens“. Er schwang sich sogar zu der Erklärung auf, wenn man Tee aufkoche, reduziere sich die Radioaktivität um das Fünf- bis Sechsfache. Im Westen dagegen hatte man längst den Ernst der Lage erkannt. Europa stoppte die Einfuhr türkischer Haselnüsse. Deutschland retournierte den im fraglichen Jahr in der Türkei eingekauften Tee.

          Trotz der Äußerungen unserer Regierenden, in denen die Katastrophe heruntergespielt wurde, kam es damals auch in der Türkei zur Panik. Der Konsum unseres Nationalgetränks Tee ging gegen null. Als es dem damaligen Industrie- und Handelsminister Cahit Aral nicht gelang, die Bürger zu beruhigen, trat er vor die Presse und trank öffentlich eine Tasse Tee. Um zu beweisen, dass der Tee von Radioaktivität unverseucht sei, nahm er Schluck um Schluck aus dem taillierten Glas in seiner Hand und erklärte: „Wäre das Schwarze Meer verschmutzt, wenn ein Tropfen Tinte hineinfällt? Unsere Mitbürger können ruhigen Gewissens Tee trinken, nur Ungläubige behaupten, in der Türkei gäbe es Radioaktivität!“

          Die Show mit dem Tee machte Cahit Aral, der seinen Mitbürgern ein „ruhiges Gewissen“ empfahl, zum Vorbild für die türkische Rechte. Es gelang ihm, die Menschen erneut zum Teetrinken zu bringen. Natürlich um den Preis, dass Jahre später die Krebsraten am Schwarzen Meer explodierten. Wann immer es ein gesundheitliches Problem in der Türkei gab, traten die verantwortlichen Politiker mit einem Glas vor die Kamera. Als im Trinkwasser von Ankara Arsen gefunden wurde, stellte sich der damalige Bürgermeister Melih Gökçek vor die Kameras und trank Wasser. Als Tausende Schüler nach kostenloser Milchverteilung Vergiftungserscheinungen zeigten, trank Agrarminister Mehdi Eker in einer Livesendung Milch.

          Dutzende Menschen im Krankenhaus

          Kürzlich gab es wieder einmal einen Lebensmittelskandal. Erdogans Wirtschaftspolitik führte dazu, dass die Türkei, dieses von Agrarwirtschaft und Viehzucht dominierte Land, Fleisch importieren musste. Nun kam heraus, dass unter staatlicher Aufsicht importiertes, mit Milzbrand verseuchtes Fleisch ohne jede Kontrolle zum Verzehr für die Bevölkerung freigegeben worden war. In Istanbul wurde ein ganzer Landkreis unter Quarantäne gestellt. Dutzende Menschen kamen ins Krankenhaus, wo die tödliche Infektion mit Milzbrand diagnostiziert wurde.

          Nein, nein, stellen Sie sich jetzt bitte nicht gleich vor, wie der Landwirtschaftsminister sich an einen Grill stellt. Grill und Fleisch fehlten bei der Pressekonferenz, allerdings wartete Agrarminister Pakdemirli, einer der Architekten des Skandals, mit ausgekochten Statements auf. Obwohl etliche Personen ins Krankenhaus kamen und bereits mehrere hundert Tiere am Milzbrand verendeten, beruhigte er, genau wie damals unser teetrinkender Minister, „mit ruhigem Gewissen“: „Wie bereits zuvor ergreift unser Ministerium dringliche Maßnahmen. Unsere Bürger können ruhigen Gewissens Fleisch essen.“

          Nehmen Sie die Aussage „wie bereits zuvor“ nicht allzu ernst. Der von Erdogan eingesetzte vorherige Agrarminister Fakibaba hatte sich beim BSE-Befall von Importfleisch ebenfalls ans „ruhige Gewissen“ geklammert: „Ich esse dieses Fleisch. Deshalb können meine Mitbürger es ebenfalls weiterhin ruhigen Gewissens verzehren.“

          Das ist die Türkei. Ruhigen Gewissens setzt man uns hier alles mögliche vor. Falls Sie dieser Tage in die Türkei fahren sollten, passen Sie auf sich auf. Probieren Sie einmal die Gemüsegerichte und Salate bei uns statt Döner und Kebap. Um Ihrer Gesundheit und eines wahren ruhigen Gewissens willen.

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