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Brief aus Istanbul : Es gibt keine Journalisten mehr, die kritisch fragen

  • -Aktualisiert am

Im türkischen Fernsehen lieber verpixelt: Die Schauspielerin Selena Gomez trägt ein anstößiges Symbol um den Hals – hier bei der Premiere von „Hotel Transsilvanien 3“ Ende Juni in Kalifornien. Bild: AFP

Die Formel der neuen Türkei lautet: Zensur, Selbstzensur und Verschleierung der Wahrheit. Nicht nur Journalisten tun alles, um Kritik zu vermeiden. Selbst für Bilder von Hollywood-Stars hat das nun Folgen.

          Die Verwandlung der demokratischen Tradition, die es in der Türkei durchaus gibt, wenn auch halb blind, hinkend und von Putschen unterbrochen, in ein Alleinherrscherregime geschah nicht über Nacht. Als nach der Jahrtausendwende die alten Systemparteien infolge der Wirtschaftskrise kriselten, kam Erdogan an die Macht. Er machte die Türkei zu einem Land, in dem bis auf Wahlen keine demokratischen Mechanismen existieren. Mit fingierten Operationen versetzte er die für ihre kemalistischen Interventionen bekannte Armee in den Passiv-Modus, neutralisierte die Opposition, entfernte Rivalen aus der eigenen Partei, setzte in internationalen Beziehungen, insbesondere denen zum Westen, auf das Modell Pferdehandel statt auf Diplomatie.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die Abschaffung der unabhängigen Medien und aller kritischen Stimmen ist das Gründungsprinzip der „neuen Türkei“. Bei jedem Schritt testete Erdogan seine Macht aus. Zunächst verhinderte er Initiativen der Medienmogule in anderen Branchen. Er drehte ihnen die Finanzquellen ab. Bei Kundgebungen nannte er Presse- und Medienbosse beim Namen und drohte mit Boykott. Dann rief er die Medienfürsten an und ließ ihm unliebsame Journalisten feuern. Gleichzeitig baute er eine eigene Medienmacht auf. Er forderte Unternehmer, denen er staatliche Großprojekte zuschanzte, zum Kauf bestimmter Zeitungen auf und gründete selbst Mediengruppen. Diese Medien rühmen seine Regierung, kaum jemand kauft und liest sie, doch Erdogan hält sie mit Werbung staatlicher Banken über Wasser. In der letzten, tödlichen Phase verbot er Zeitungen und Sender und brachte etliche Journalisten hinter Gitter.

          Bülent Mumay

          So weit kurz resümiert, was bisher geschah, um zu zeigen, wie schwierig die Situation jener Medienschaffenden ist, die noch weiterarbeiten dürfen. Um zu überleben, ist der Großteil der Mainstreammedien darauf bedacht, sich bloß keinen Fehler der Regierung gegenüber zu leisten. Berichte, die dem Palast nicht gefallen könnten, werden entweder nicht gebracht oder abgeschwächt und kaum auffindbar plaziert. Die Fernsehnachrichten machen mit Erdogan-Statements auf, den Rest der Beiträge aus dem In- und Ausland bringen sie monoton wie Agenturmeldungen.

          Fast um den Verstand gebracht

          Nicht nur Nachrichtenredakteure tun alles, um Kritik von Regierungsseite zu vermeiden. Auch Unterhaltungsredaktionen bemühen sich, mit Erdogans Social Engineering konform zu gehen. Serien, in der Türkei äußerst beliebt, verhalten sich von vornherein „sittsam“, um von der Zensurbehörde keinen Maulkorb verpasst zu bekommen. So darf in einer Serie etwa ein Liebespaar nur Wasser aus Weinkelchen trinken. Beziehungen zwischen den Protagonisten gestalten sich rein platonisch. Küsse haben wir nie gesehen. Von Sex erst gar nicht zu reden. Wir könnten davon gar nicht reden, weil wir nicht wissen, was geschieht. Auch in der „alten Türkei“ vor Erdogan gab es bestimmte Grenzen, um konservative Zuschauer nicht zu vergrätzen. Da küsste sich etwa ein Pärchen, das sahen wir noch, wurde es aber intimer, zoomte die Kamera in den Himmel hoch. Wie es weiterging, sahen wir nicht, konnten uns aber wenigstens vorstellen, was unter dem Himmel geschah.

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