https://www.faz.net/-gqz-9uvxh

Brief aus Istanbul : Jetzt fliegen wir Türken ins All

  • -Aktualisiert am

Anfassen für den Fortschritt: Der türkische Präsident bei Schweißarbeiten nach der Vorstellung des neuen Militär-U-Boots „Piri Reis“ am 22. Dezember in Kocaeli. Bild: Turkish President Press Office Handout/Epa-Efe/Rex

Je weiter die Zeit voranschreitet, umso geringer wird für Erdogan die Aussicht, Wahlen zu gewinnen. Jetzt lassen altbekannte Versprechungen des türkischen Präsidenten Neuwahlen vermuten.

          4 Min.

          Türkisch spricht man so aus, wie man es schreibt. Allerdings gibt es in unserer Sprache ein paar Sätze, die das Gegenteil des Gesagten bedeuten. Geht es etwa um die Absetzung eines hohen Beamten, hören wir von Regierungsseite folgendes Sprichwort: „Während man über den Bach setzt, wechselt man nicht das Pferd.“ Rein lexikalisch bedeutet das: In kritischen Situationen nimmt man keine Änderungen vor. Der Beamte, auf den der Satz gemünzt ist, packt allerdings meist kurz darauf doch seine Sachen. Wackelt der Sessel eines Fußballtrainers, weil dessen Team schlechte Ergebnisse einspielt, bekommen wir von den Managern des Vereins zu hören: „Wir stehen hinter unserem technischen Direktor.“ Tatsächlich hat dann die Suche nach einem neuen Trainer meist längst begonnen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
          Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

          Der berühmteste solcher Sätze mit umgekehrter Bedeutung auf der politischen Bühne lautet: „Wir denken nicht an vorgezogene Neuwahlen.“ Spätestens sechs Monate nachdem von Regierungsseite dieser Satz zu hören war, gehen wir zur Wahl. Wie Süleyman Demirel, der viele Jahre hindurch die Ämter des Premierministers und Staatspräsidenten bekleidet hat, es ehedem ausdrückte: „Die Paste ist aus der Tube, die geht nicht wieder hinein.“ In unserem Land reicht es für vorgezogene Neuwahlen aus, dass man anfängt, darüber zu reden.

          „Wir denken nicht an vorgezogene Neuwahlen“, hörten wir kürzlich von Erdogan. Präsidentschafts- und Parlamentswahlen stehen planmäßig erst 2023 an, doch je weiter die Zeit voranschreitet, umso geringer wird für Erdogan die Aussicht, die Wahlen zu gewinnen. Er verliert Stimmen, solange sich die Wirtschaftskrise verschärft. Er ist gleich an mehreren Fronten in Bedrängnis, etwa aufgrund der Spannungen mit den Vereinigten Staaten wegen des umstrittenen Kaufs der S-400-Abwehrraketen von Russland oder des Kampfs um Erdgas im östlichen Mittelmeer. Darüber hinaus plagt ihn eine weitere große Sorge: Die beiden von AKP-Abtrünnigen gegründeten neuen politischen Parteien stehen in den Startlöchern, um Erdogan und seiner Partei, die im Augenblick knapp unter fünfzig Prozent liegen, Stimmen abzujagen. Sie planen, sich dem oppositionellen Anti-AKP-Block anzuschließen, damit könnten sie Erdogans Traum von fünf weiteren Jahren im Palast zunichtemachen.

          Bülent Mumay

          Sosehr der Präsident abstreitet, dass es vorgezogene Neuwahlen geben könnte, gibt es außer dem genannten Satz noch zwei weitere Signale dafür: Erdöl und Autos. Wahrscheinlich sind Sie jetzt verwirrt. Die Sache ist aber gar nicht kompliziert. Um die Bürger zu blenden, greifen Politiker, die sich mit dem Gedanken an Neuwahlen tragen, zu zwei Ankündigungen: Irgendwo in der Türkei, deren Energieversorgung zu 75 Prozent vom Ausland abhängt, sei Erdöl, Erdgas oder sonst ein kostbarer Rohstoff entdeckt worden. Oder ein „einheimisches Autofabrikat“ stehe kurz vor dem Start in unserem Land, in dem bislang ausschließlich ausländische Marken verkauft werden. Zu den Themen nationale Raumfahrt und Panzerexport komme ich noch. Beginnen wir zunächst mit den „natürlichen Ressourcen“, die, sobald die Rede von Wahlen ist, überall im Land kräftig sprudeln.

          Bodenschätze nach Bedarf

          Wenige Tage nach Erdogans Aussage, man denke nicht an Neuwahlen, wurde in einer Provinz im Südosten des Landes ein Erdölfeld mit einer Kapazität von 11,2 Millionen Barrel entdeckt. Glauben Sie nicht, dieser plötzliche Fund sei zufällig kurz nach Erdogans Worten zur Wahl gemacht worden. Wo auch immer vor Wahlen sondiert wurde in der mehr als siebzehnjährigen Regierungszeit der AKP, quoll Reichtum aus dem Boden. Vor den Kommunalwahlen vom 31.März 2019, bei denen die AKP neben Istanbul die meisten Metropolen verlieren sollte, hatte der Energieminister ebenfalls verkündet, in zwei Provinzen sei Erdöl „guter Qualität“ gefunden worden. Nicht genug damit, in Thrakien nahe der griechischen Grenze habe man so viel Erdgas entdeckt, dass es „den Bedarf der Türkei für zehn Jahre decken“ würde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein New Yorker Polizeibeamter auf dem verlassenen Times Square.

          Corona-Hotspot New York : „Herr, erbarme Dich“

          New York zählt mehr Corona-Infizierte als Deutschland. Der Bürgermeister sagt, es nahe der „D-Day“. Wird die Stadt dann alle Patienten versorgen können?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.