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Brief aus Istanbul : Erdogans Mondfahrt

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan bei der Verkündung des türkischen Raumfahrtprogramms am 9. Februar in Ankara Bild: Picture-Alliance

Mit einem „Wahnsinnsprojekt“ und „historischen“ Schritten kämpfte der türkische Präsident um die Wählergunst. Doch selbst seine „frohen Botschaften“ werden zum Fiasko und kosten Menschenleben.

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          Immer wieder heißt es, die türkische Gesellschaft sei aufgrund von Erdogans Politik der Polarisierung in zwei Teile gespalten. Auch in den Briefen, die ich Ihnen aus Istanbul schreibe, verweise ich auf die Gefahren dieser gesellschaftlichen Kluft. Richtig, politisch lässt sich zweifellos von einer Spaltung reden. Doch es sind nicht allein unsere politischen Neigungen, die uns voneinander trennen. Wir verharren nicht stets in derselben Hälfte des Bildes. Aus den verschiedensten Gründen finden wir uns auch manchmal in der anderen Hälfte wieder.

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          Sie wissen ja, wie es um Nationalismus und Patriotismus in der Türkei steht. Unsere Bevölkerung fühlt sich dem Land stark verbunden. Uns liegt wenig daran, unser Land zu verlassen. Nur um zu arbeiten oder für die Bildung unserer Kinder halten wir es eine Weile fern der Heimat aus. Diese Haltung hat sich mit Erdogans „neuer Türkei“ dramatisch geändert. Der Umfrage eines privaten Meinungsforschungsinstituts zufolge würde heute gern jeder Zweite im Ausland leben. Und glauben Sie nicht, nur Erdogans Gegner träumten vom Auswandern. Auch 34 Prozent seiner Wähler möchten nicht mehr in der Türkei leben.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Eine neue Studie spaltet uns nun wieder in zwei Teile. Sie stammt vom staatlichen Statistikamt, dessen Leitung Erdogan mehrfach ausgewechselt hatte, weil die Inflationsraten, die es publizierte, ihm nicht niedrig genug waren. Laut der „Zufriedenheitsstudie“ des Instituts sank die Rate der Menschen, die sich in der Türkei als glücklich bezeichnen, Ende 2020 auf 48,2 Prozent. Jeder Zweite lebt in einem Land, in dem er nicht glücklich ist. Da ist es kein Zufall, dass so viele die Türkei verlassen wollen.

          Selbstverständlich ist wirtschaftliches Wohlergehen nicht das einzige Kriterium für Zufriedenheit. Doch es ist schwierig, in einem Land von Zufriedenheit zu reden, in dem die Bürger aus Not Speiseöl nicht mehr liter-, sondern becherweise kaufen und Babywindeln stückweise. Kann man sagen, Menschen seien in einem Land glücklich, in dem Schafskäse, ein Muss auf jedem Frühstückstisch, und Babynahrung in den Geschäften mit Diebstahlsicherung versehen sind? Lässt sich in einem Land von Zufriedenheit reden, in dem der Staat in der Corona-Pandemie den Bürgern eine Iban-Nummer gab, auf die sie Spenden einzahlen sollten, während andere Länder den Menschen unter die Arme greifen?

          Auf den Mond statt auf den Markt

          Auch der Begriff der politischen Spaltung ist umstritten. Er beruhte darauf, dass eine Hälfte des Landes hinter Erdogan steht und die andere gegen ihn ist. In den letzten Monaten ergaben Umfragen, dass es sich nicht länger um ein Fifty-fifty-Verhältnis handelt. Der neuesten Studie von MetroPoll zufolge öffnet sich die Schere zwischen der Opposition und der von Erdogan gebildeten Koalition weiter. Wären heute Wahlen, würden 48,3 Prozent der Bürger für die Opposition und nur 39,67 Prozent für Erdogan stimmen.

          Der Rückgang seines Stimmenanteils ist Erdogan nicht entgangen. Mit dem Rücken zur Wand kündigte er ein „Wahnsinnsprojekt“ an oder unternahm Schritte, die er „historisch“ nannte. Als das nicht zog, verkündete er uns „frohe Botschaften“. Was tat er nicht alles in den vergangenen sieben Monaten: Er widmete die Hagia Sophia, ein wichtiges Symbol für die Konservativen, in eine Moschee um. Millionen bei uns sind nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu bezahlen, er aber erklärte, es sei ein gigantisches Erdgasvorkommen gefunden worden. In Zeiten, da Menschen es sich nicht leisten können, auf den Markt zu gehen, wurde beschlossen, zum Mond zu fliegen.

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