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Brief aus Istanbul : Erdogan ruft den Finanz-Dschihad aus

  • -Aktualisiert am

Amerikanischer Dollar und türkische Lira Bild: Reuters

Der türkische Präsident steht vor den Scherben seiner Wirtschaftspolitik. Die Rechnung präsentiert er „ausländischen Kräften“.

          Nahezu alle Wirtschaftsindikatoren der Türkei gingen mit der Zunahme von Erdogans autoritären Tendenzen von 2011 an rasant in den Keller. Mit seinem Machtzuwachs im Inneren begann er in der Politik, in internationalen Beziehungen und auch in der Wirtschaft selbstherrlich zu agieren. Alle Kreise, die er als Gefahr für sich sah, setzte er unter Druck. In den internationalen Beziehungen ersetzte er Diplomatie durch „Pferdehandel“. Diese Politik zeitigte auf politischer wie auf gesellschaftlicher Ebene selbstverständlich Folgen. Zahlenmäßig deutlich fassbar sind vor allem die Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Land entfernte sich von der Demokratie, und der Zufluss ausländischen Kapitels stagnierte. Ausländische Investoren kamen nicht mehr, um in der Türkei anzulegen, sondern um schnellen Gewinn mit heißem Geld auf den Finanzmärkten zu machen.

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          Als die Wirtschaftspolitik verstärkt auf den Bausektor setzte statt auf industrielle Produktion mit Mehrwert, wanderten Produzenten in die Baubranche ab. Sie schlossen ihre Fabriken und setzten auf die Grundstücke lieber Wohnbauten, die mehr Profit versprachen. Neue Fabriken machten nicht auf, so dass naturgemäß die Arbeitslosigkeit explodierte. In dieser Atmosphäre steigender ökonomischer Risiken kletterten die Wechselkurse als ein besonders sensibler Indikator weiter und weiter in die Höhe. In dem als Zeitenwende markierten Jahr 2011 stand der amerikanische Dollar bei 1,55 türkischen Lira (TL). Als der Kurs kontinuierlich anstieg, legten alle, die nicht wollten, dass ihre Lira-Rücklagen dahinschmolzen, ihr Vermögen in Devisen an.

          „Die Kurse bestimmen nicht über unsere Zukunft“

          Der weitere Verfall der Lira blieb Erdogan nicht verborgen, so wandte er sich alle paar Jahre mit Aufrufen an die Bevölkerung, gab sogar prätentiöse Investitionsempfehlungen ab. 2015 sagte er: „Wer in Dollar anlegt, geht bald zu Fuß.“ Da stand der Dollar bei 2,56 Lira. Wer auf Erdogan hörte, hatte den Schaden, denn das politische und ökonomische Klima wirkte sich weiterhin negativ auf die türkische Lira aus. Kam vom Palast der Rat: „Kehrt zur Lira zurück!“, setzte sich prompt der Aufstieg des Dollars fort. Erdogan gelang es nicht, die Dollaranlagen im Land abzubauen, so griff er bald zu Schwüren, bald zu Drohungen. „Ich schwöre, dass der Dollar fällt“, sagte er, doch wieder vergebens. Im vergangenen Jahr drohte er allen, die ihr Geld in Fremdwährung anlegten: „Zwischen Terroristen mit Waffe in der Hand und Terroristen mit Dollars besteht kein Unterschied.“ Auch das nützte nichts. Der Dollar stieg auf mehr als vier Lira.

          Bülent Mumay

          Die schönste Beteuerung kam vor den Wahlen vom 24. Juni, auf die er sie vorgezogen hatte, weil er wusste, dass die Wirtschaftskrise im Anmarsch war. „Die Kurse bestimmen nicht über unsere Zukunft“, versicherte Erdogan den Wählern. „Gebt euer Votum am 24. Juni diesem, eurem Bruder, dann seht ihr anschließend, wie man mit solchen Zinsen umgeht.“ Darauf warteten wir dann vergebens. Erdogan gewann die Wahlen auf Anhieb. Aber die Kurse schossen weiter in die Höhe. Einen Monat nach der Wahl stand der Dollar bei fünf Lira.

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