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Brief aus Istanbul : Erdogan pokert hoch: Palast oder Türkei

  • -Aktualisiert am

Präsident Erdogan am Mittwoch auf dem Kongress seiner AKP in Ankara Bild: EPA

Die Lira fällt und fällt und fällt, der türkische Präsident entlässt den Zentralbankchef. Dass er sein Glücksspiel gleichzeitig für sich selbst und für sein Land gewinnen kann, ist unwahrscheinlich.

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          In der Türkei sind es eher nicht die Supermärkte, wo die unteren und mittleren Schichten sich mit günstigen Lebensmitteln versorgen. Um ihr Budget nicht überzustrapazieren, kaufen die Leute möglichst auf Märkten ein, die jeden Wochentag in einem anderen Viertel stehen. Die Krise, in der die Türkei in den letzten Jahren steckt, hat allerdings dazu geführt, dass auch diese Märkte keine wirtschaftliche Alternative mehr sind. Um nicht Hungers zu leiden, kommen die Ärmsten dennoch weiter. Aber jetzt in den Abendstunden, kurz vor Marktschluss. Denn insbesondere nicht mehr frisches Obst und Gemüse wird dann für ein Fünftel des Preises abgegeben. Ein Dialog von zwei Frauen auf dem Markt, der es in eine Zeitungsmeldung schaffte, verdeutlicht dramatisch, wie weit es mit dem Land wirtschaftlich gekommen ist. Die eine sagt: „Ich habe den Abendmarkt besucht, damit es sich rechnet. Äpfel habe ich für eine Lira bekommen, einwandfreie kosten sechs Lira.“ Die Reaktion der anderen, die gerade dabei ist, angefaultes Obst in der Tasche zu verstauen, ist nicht weniger schmerzlich: „Ich würde auch gern von allem das beste kaufen, glänzende Äpfel, Birnen …“

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          In einem Land, in dem die tatsächliche Arbeitslosenrate mittlerweile die 30 Prozent übersteigt, ist ein anderes Bild kaum zu erwarten. Hierzulande hat sogar die jährlich von der Religionsbehörde festgelegte Summe, die Muslime vor Beginn des heiligen Monats Ramadan den Armen spenden sollten, den Mindestlohn überrundet. Außerstande, diese Situation zu ändern, lanciert die Regierung jetzt Armut als Schicksal, um Proteste breiterer Kreise zu verhindern. Die Religionsbehörde Diyanet lässt in den Moscheen jetzt vor dem Freitagsgebet Predigten darüber halten, wie man „in schwierigen Zeiten Hilfe aus der Spiritualität zieht“. Der Koran-Satz „Wahrlich, Wir werden euch prüfen mit ein wenig Furcht und Hunger und Verlust an Gut und Leben und Früchten; doch gib frohe Botschaft den Geduldigen“ soll uns davon zu überzeugen, in einer Art göttlichen Prüfung zu stecken, wir müssten nur Geduld haben.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die Politik Erdogans, der die Türkei seit nunmehr neunzehn Jahren regiert, hat die Türkei nicht nur in die Isolation getrieben, sondern auch zur wirtschaftlichen Verkarstung des Landes geführt. Kein Land ist geblieben, mit dem wir nicht Probleme hätten. Selbst zu dem scheinbar mit uns verbündeten Russland sind unsere Beziehungen in vielfacher Hinsicht, vor allem wegen Syrien, belastet. Diplomatisch stehen wir allein da, zusammen mit den politischen und ökonomischen Fehlern im Inneren hat das zur Verarmung der Türkei geführt. Denn die türkische Wirtschaft ist auf den Zufluss heißen Geldes aus dem Ausland angewiesen. Als zur Isolation in der Welt noch die Unvorhersehbarkeit im Inland hinzukam, versiegten die ausländischen Investitionen auf einen Schlag. Auch unter dem Einfluss der Pandemie gefährdet die Wirtschaftskrise nun Erdogans politische Zukunft. Kaum erkannte er die Gefahr, suchte Erdogan den Dialog zu Kreisen, zu denen er zuvor die Brücken abgebrochen hatte, manche hatte er gar zu Feinden erklärt. Plötzlich sandte er Delegationen nach Ägypten zu as-Sisi, den er noch gestern als „Mörder“ bezeichnet hatte. Aufgrund der Krise im östlichen Mittelmeer hatte er Europa gegen sich aufgebracht, nun zog er auf einmal die türkischen Schiffe in die Häfen zurück und setzte sich mit Griechenland zum Dialog an den Tisch. Obwohl die Wahl Monate zurückliegt, kam bislang kein Anruf vom neuen amerikanischen Präsidenten Biden. Also verkündete Erdogan Reform über Reform, um rosarote Botschaften an den Westblock zu funken, der, mit den Vereinigten Staaten an der Spitze, erklärte, in Sachen Sanktionen gegen die Türkei gemeinsam vorgehen zu wollen.

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