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Brief aus Istanbul : Wer will, der geht

  • -Aktualisiert am

Schlange in der Nähe der griechisch-türkischen Grenze Bild: dpa

Recep Tayyip Erdogan öffnet die Pforten, und nun flüchten fast mehr Türken als Syrer. All das folgt seinem Plan für den Krisenfall.

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          Was geschah, dass Erdogan seine Politik änderte und statt syrische Migranten weiter aufzunehmen, sagte: „Wer will, kann gehen“? Warum öffnete er die Grenze, wenige Stunden nachdem am Abend des 27. Februar von Russland unterstützte Assad-Einheiten dreiunddreißig türkische Soldaten getötet hatten? Wie kommt es, dass er die Erpressung, mit der er Europa seit Jahren gedroht hatte, nun auf einmal wahr machte? Es war doch Syrien, das unsere Soldaten tötete. Es war Erdogans Verbündeter Russland, der den Angriff aus der Luft unterstützte. Was hatten EU-Länder damit zu tun?

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Ziel mag gewesen sein, Europa in der Idlib-Krise an die Seite der Türkei zu bringen. Oder sicherzustellen, dass der Rest der noch immer nicht vollständig ausgezahlten sechs Milliarden Euro aus dem Flüchtlingspakt endlich nach Ankara fließen würde. Doch beide Antworten sind zu „diplomatisch“. Das am Abend des 27. Februar umgesetzte Szenario war lange geplant. Es wurde schlicht der für eine Krise vorgesehene Plan durchgeführt. Jetzt wurde den in Migrationszentren zurückgehaltenen Flüchtlingen gesagt, sie könnten gehen. Im Nu standen überall in Istanbul weiße Busse bereit, um Flüchtlinge an die zwei, drei Autostunden entfernte griechische Grenze zu transportieren. Warum wurde dieser im Krisenstab seit langem vorgehaltene Plan ausgerechnet in der Nacht des 27. Februar umgesetzt? Dazu lassen sich vier Hauptgründe anführen. Sie haben weder direkt noch indirekt etwas mit Europa zu tun.

          Einen noch höheren Preis will er nicht zahlen

          Erstens galt es, die voraussichtlich heftigen Reaktionen der Gesellschaft auf die bisher schwersten Verluste der Türkei auf syrischem Boden zu mindern; die Tagesordnung zu ändern, um die Pleite der Syrien-Politik zu vertuschen. Vor nunmehr neun Jahren griff Erdogan in den Bürgerkrieg in Syrien mit dem Vorsatz ein, das Regime in Damaskus abzulösen. Zuerst versorgten wir „gemäßigte“ Oppositionelle mit Waffen, um das Land, mit dem wir die längste Außengrenze teilen, ins Chaos zu stürzen. Nicht genug: Auf syrischem Boden gründeten wir eine von unseren Steuergeldern besoldete alternative Armee und schickten sie in den Kampf gegen Assads Soldaten. Von dem Traum beseelt, das Freitagsgebet in der Umayyaden-Moschee in Damaskus zu verrichten, versuchte Erdogan, das Nachbarland zu untergraben. Dann aber geriet seine Syrien-Politik in Idlib, direkt hinter der türkischen Grenze, aufgrund des Bündnisses in Bedrängnis, das Assad mit Russland geschlossen hatte. Die jüngsten Umfragen in der Türkei zeigten, dass 48,8 Prozent der Bevölkerung gegen die Anwesenheit türkischer Soldaten in Idlib eingestellt ist. Das Gegenteil befürworten nur 30,7 Prozent. Je mehr türkische Soldaten in Idlib umkamen, umso lauter wurde die Frage: „Was haben wir in Syrien verloren?“ Also wies die Regierung den Flüchtlingen die Tür, kaum dass die Nachricht von dreiunddreißig Gefallenen eingetroffen war, um den Protest im eigenen Land einzudämmen.

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