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Brief aus Istanbul : Erdogan muss die Jugend fürchten

  • -Aktualisiert am

Das Lächeln wird ihm vergehen: Jungen Leuten wollte der türkische Staatspräsident auf Youtube etwas sagen. Als sie antworteten, machte er den Laden dicht. Bild: Anadolu/Getty

Der türkische Präsident hat ein Problem: Junge Wähler lehnen ihn ab. Er buhlt um ihre Gunst, auch im Internet. Doch da hat er gerade eine große Pleite erlebt.

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          Regierungen halten sich nicht allein durch ihre Taten oder Ideologien. Auch die Demographie, auf die sie zur Verlängerung ihres politischen Lebens setzen, muss stabil bleiben. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass Herrscher die Demographie, die sie zum Machterhalt brauchen, nicht langfristig beherrschen können. Erst recht nicht, wenn sie bereits seit achtzehn Jahren regieren, wie Erdogan und seine Partei. Die AKP, die sich auf die Unter- und Mittelschicht stützt, war dank ihres konservativen, populistischen Diskurses mit Hilfe der Bevölkerung auf dem Land und der an den Rand der Städte abgewanderten Massen an die Regierung gekommen. Doch die Kinder jener, die die AKP 2002 an die Macht trugen, denken anders als ihre Eltern.

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          Die nach der Jahrtausendwende geborene „Generation Z“ in der Türkei hat nie eine andere als die Erdogan-Regierung erlebt. Die jungen Leute sind mit dem Internet aufgewachsen und hängen an ihrer Freiheit. Vor allem in den Großstädten teilen sie die politischen Präferenzen ihrer Eltern nicht. Bereits die Vorgänger der „Generation Y“ bewiesen bei Wahlen, dass sie sich von der AKP entfernt haben. Bei allen Wahlumfragen der AKP werden zwei Dinge deutlich: Die Zahl junger AKP-Wähler schwindet nachhaltig. Zudem verringert sich die Unterstützung für die Regierung mit zunehmendem Bildungsniveau. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die AKP bei den Kommunalwahlen in den Metropolen verlor, denn dort stellen die gut gebildeten Jungen einen hohen Bevölkerungsanteil. Ebenso wenig war Zufall, dass beim Verfassungsreferendum 2017 Istanbul, Ankara und Izmir „nein“ zum neuen System sagten, das in der Gesamttürkei mit knapper Mehrheit durchkam.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Der Einfluss der „Generation Y“ brachte der AKP bei den Wahlen einen Schock. Die darauffolgende Generation aber beunruhigt sie noch mehr. Dem normalen Kalender nach stehen die nächsten Wahlen 2023 an. Dann sollen wir unseren „gewählten Sultan“ und die Mitglieder unseres Parlaments bestimmen. Dann wird die „Generation Z“ erstmals stimmberechtigt sein, der AKP raubt das jetzt schon den Schlaf. Es geht um 6,5 Millionen neue Wähler. Eine große Menge Menschen, die nicht wollen, dass fremdbestimmt wird, was sie essen und trinken, anziehen und lesen. Junge Leute, die das Geschehen in der Türkei und in der Welt nicht über die von der Regierung regulierten Medien verfolgen, sondern über digitale Kanäle. 6,5 Millionen junge Weltbürger, die Bekanntschaft mit der Moderne gemacht haben und denen Erdogans „pädagogische“ Sprache unerträglich ist.

          Das Youtube-Team des Palastes sperrte die Kommentarfunktion

          Offenbar hat die AKP die Gefahr erkannt, denn letzte Woche startete sie eine Kampagne, um die „Generation Z“ anzusprechen. Ob die auf digitale Medien fokussierte Strategie fruchtet, ist noch nicht abzusehen. Was Erdogan allerdings vor ein paar Tagen bei einer Live-Sendung über das Internet widerfuhr, dürfte seine Sorge befeuern. Zunächst ein wenig Hintergrundwissen: Bekanntermaßen leidet die Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie enorm. Die Tourismusbranche, die zu den größten Einnahmequellen der Türkei gehört, durchlebt schwarze Tage, auch weil Deutschland die Reisewarnung für seine Bürger bislang nicht zurücknahm. Als klar war, dass ausländische Touristen ausbleiben, zog Erdogan, um den Inlandstourismus zu beleben, für 2,5 Millionen Schulabgänger die Hochschulzulassungsprüfungen vor. Damit sind nun die Monate Juli und August frei, so dass türkische Familien ihren Urlaub nicht unterbrechen müssen.

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