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Brief aus Istanbul : Regenbogen sind verboten!

  • -Aktualisiert am

Am Dienstag in Istanbul Bild: EPA

In der Corona-Krise zeigt Präsident Erdogan, was er kann: leugnen, Chaos stiften und dann im Ausland Schuldige suchen.

          5 Min.

          Bei Wahlen in der Türkei wird in der europäischen Öffentlichkeit, vor allem in Deutschland, häufig folgende Frage gestellt: „Wie kann es angehen, dass Erdogan so viele Stimmen von den Türken in Europa erhält?“ Tatsächlich hat die AKP in Europa eine weit höhere Stimmenanzahl als in der Türkei selbst. Die Antwort auf die Frage erklärt auch, warum die AKP im Inland noch immer die meisten Stimmen erhält, obwohl sie eine Reihe von Problemen nicht gelöst bekommt, sondern für immer neue sorgt: Aus verschiedenen Gründen gibt sie sich mit schönfärberischen Reden und Dienstleistungen als eine Art „Pate“ für die Marginalisierten in der Türkei wie auch in Deutschland aus. Sie schmeichelt den Massen und vereint sie unter dem Dach einer mit Nationalismus und Religiosität verquickten Identität. Wie Trump es mit „Make America Great Again“ für sein Land tut, stellt sie die Türkei als groß und stark dar. Dafür schafft sie Phantasiefeinde und unterdrückt jeden Widerspruch. Mit dem Traum einer „großen Türkei“ und der von ihm geschaffenen Identität hält Erdogan die Massen, denen er kein besseres Auskommen geben kann, sondern sie im Gegenteil täglich ärmer macht, fest.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die Coronavirus-Pandemie hat wie bei populistischen Regimen in aller Welt auch das Bild des Hochmuts, das die Regierenden dieses Landes abgeben, beschädigt. Wir begegneten der Pandemie genau wie Trump, der sie zunächst nicht ernst nahm. Bis Mitte März gab es keine ernsthafte Maßnahme, außer dass ankommenden Flugpassagieren ein Fieberthermometer an die Stirn gehalten wurde. Als die ersten Fälle auftraten, versprach Erdogan, wir besiegen das Virus mit „Geduld und Gebet“. Als „Pate“ versäumte er es auch nicht, den Bürgern zu schmeicheln: „Kein Virus ist größer als unsere Einheit.“

          Bülent Mumay

          Das Virus erwies sich aber als größer als wir und als die ganze Welt. Die Zahl der Infizierten wie der Sterbenden begann zu steigen. Als nicht unverzüglich vernünftige Maßnahmen getroffen wurden, überholte das Tempo der Verbreitung sogar Italien. Auf einer seiner täglichen Pressekonferenzen musste Gesundheitsminister Fahrettin Koca eingestehen: „Wir wussten nicht, dass sich das Virus derart schnell verbreitet.“ Dabei war das Geschehen in China und Italien bereits bekannt. Obwohl sich die Katastrophe näherte, beharrte die Regierung darauf, keine Quarantänen zu verhängen.

          Unter dem Hashtag #EvdeKal (Bleib zu Hause) wurde nur appelliert, daheimzubleiben. Für die arbeitende Bevölkerung aber war das unmöglich. Die Sorgen der Arbeitslosen, deren Zahl von Tag zu Tag steigt, und anderer benachteiligter Gruppen wuchsen noch mehr. Als die Regierung keine Anstalten machte, breiten Bevölkerungskreisen unter die Arme zu greifen, wurden die Bürgermeister der größten Oppositionspartei CHP aktiv. Die Kommunen Ankara und Istanbul starteten Hilfskampagnen und organisierten Lebensmittelhilfen für Bedürftige. Da trat der Palast unverzüglich auf den Plan, um die Stadtverwaltungen abzustrafen. Die Hilfen der CHP-Kommunen wurden gestoppt, die Spendengelder der Bürger, die auf die Konten der Kampagnen eingezahlt hatten, konfisziert.

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