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Brief aus Istanbul : Erdogan argumentiert mit der Bombe

  • -Aktualisiert am

Weder die Hühner noch die Journalisten lachten

Ahmet Şık wanderte ins Gefängnis, das Erscheinen des Buches aber konnte nicht aufgehalten werden. Şıks Freunde hatten das Manuskript sofort online gestellt. Das Buch trieb nicht nur die Gülenisten zur Weißglut, sondern auch Erdogan und dessen Partei, stellte es doch ihren Partner an den Pranger. Die wegen der Verhaftung Şıks empörte Öffentlichkeit wurde mit Lügen abgespeist. Der damalige AKP-Sprecher Hüseyin Çelik sagte: „Darüber lachen ja die Hühner, dass eine religiöse Bewegung sich einer staatlichen Einrichtung bemächtigt haben soll.“ Weder die Hühner lachten noch wir Journalisten. Wir begehrten gegen die Verhaftung auf. Der Buchtitel hatte sich bewahrheitet: „Wer sie anrührt, verbrennt sich.“ Auf Transparenten, die wir in Istanbul bei Demonstrationen durch die Straßen trugen, stand: „Wir rühren sie an, auch wenn wir uns verbrennen.“

Viele Menschen schlossen sich unserem Protest an. Die Öffentlichkeit stand auf für Ahmet Şık, der von Gülenisten verhaftet worden war, weil er deren Bestrebungen, den Staat zu übernehmen, beschrieben hatte. Mit dem Satz: „In diesen Prozessen bin ich der Staatsanwalt“ stellte Erdogan sich hinter die Inhaftierung Şıks. Einen Monat später hielt Erdogan, damals türkischer Ministerpräsident, eine Rede vor dem EU-Parlament. Darin verglich er Şıks Buch mit einer Bombe: „Sollen die Sicherheitskräfte etwa nichts unternehmen, wenn sich andeutet, dass eine Bombe gebaut wird? Wir hatten entsprechende Informationen erhalten, und die Justiz entschloss sich, die Sicherheitskräfte anzuweisen: Holt ihn ab!“ Nach der Rede sagte Erdogan im Fernsehen: „Es gibt Bücher, die effektiver sind als Bomben.“

Ist etwas Absurderes vorstellbar?

Sie wollen wissen, lieber Leser, wie es weiterging? Ahmet Şık blieb mehr als ein Jahr in Haft. Einige Jahre später überwarf Erdogan sich mit der Gülen-Organisation. Unter dem Vorwurf, sein ehemaliger Partner Fethullah Gülen und dessen Organisation hätten einen „parallelen Staat“ errichtet, wurden viele Gülen-Anhänger aus der Verwaltung entfernt. Sämtliche Verfahren, die gülenistische Staatsanwälte eingeleitet hatten, wurden gestoppt, Hunderte Offiziere, die sie ins Gefängnis gebracht hatten, aus der Haft entlassen. Nach dem 15. Juli bezichtigte die Regierung die Organisation, der Drahtzieher hinter dem Putschversuch zu sein, und steckte gülenistische Polizisten und Staatsanwälte hinter Gitter. Ahmet Şık hatte mit allem, was er in seinem Buch beschrieben hatte, recht.

Ende Dezember ist er abermals verhaftet worden und sitzt seitdem im Gefängnis. Ausgerechnet Şık wirft man nun vor, Mitglied der Fethullah-Gülen-Organisation zu sein. Ist etwas Absurderes vorstellbar? In der Türkei auf jeden Fall, lieber Leser. Denn nun, da Erdogan selbst jene Polizeichefs vor Gericht stellen lässt, mit denen er bis vor wenigen Jahren noch persönlichen Umgang pflegte, zieht er stets einen Beweis aus dem Ärmel, um sie als Gülenisten zu überführen: Der Staatspräsident argumentiert mit dem, was er einst als gefährlicher als eine „Bombe“ bezeichnet hat: mit Ahmet Şıks Buch.

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