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Brief aus Istanbul : Dollars verbrennt auch der Fromme nicht

  • -Aktualisiert am

Musste den viertgrößten Fußballclub des Landes verlassen, weil er von seinem Club Zinsen und Ausgleich der Kursschwankungen verlangt hatte: Aykut Demir, hier im Juli 2015 mit Goran Siljanovski (r.) vom mazedonischen Verein Rabotnicki Bild: Picture-Alliance

Der türkische Präsident versucht es mit nationalistischer und religiöser Rhetorik gegen die selbstgemachte Wirtschaftskrise. Er überzeugt weder Normalbürger noch Geschäftsleute oder Fußballspieler.

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          Wie in jeder Sprache gibt es auch im Türkischen diskriminierende Redewendungen und Sprichwörter. Sie zielen auf Frauen, andere Volksgruppen oder Glaubensrichtungen und scheinen seit eh und je zu existieren. Der Frauen diskriminierende Spruch „Lange Haare, kurzer Verstand“ wird zwar weniger häufig gebraucht, lebt aber weiter. Ebenso beschämende Sprichwörter wie „Aus Holz wird kein Schürhaken, aus einem Kurden kein Pascha“ oder „Ist er Armenier, muss er geben, ohne etwas zu fordern“.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Vor ein paar Tagen hörte ich mit eigenen Ohren einen ebenso beleidigenden Spruch, von dem ich dachte, er wäre gar nicht mehr im Umlauf. Bei einer Unterhaltung in der Istanbuler U-Bahn brachte ein junger Mann die aktuellen Spannungen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten mit folgender Wendung auf den Punkt: „Das ganze Land ist also auf den Pfaffen gekommen.“

          Lassen Sie mich kurz erläutern, was „auf den Pfaffen kommen“ bedeutet. In einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft bedeutet diese Wendung, eine negative Folge gewärtigen zu müssen, bös in die Klemme geraten sein. Der Spruch des jungen Mannes in der U-Bahn zielte auf einen realen Priester ab: Pastor Brunson, der in der Türkei festgehalten wird und eine Krise in den Beziehungen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten auslöste.

          Bülent Mumay

          Erdogan machte sich zunutze, dass es sich bei dem „Häftling“ um einen christlichen Geistlichen handelt. Auch wenn es um die Wirtschaft schlimm steht, ist die nationalkonservative Mehrheit in der Türkei der Meinung, Erdogan, der „einen Priester verhaften ließ“, habe nichts Böses getan. Vielmehr glauben sie, bei den Sanktionen, die die Vereinigten Staaten gegen die Türkei verhängt haben, handele es sich um einen „der Türkei erklärten Wirtschaftskrieg“.

          Erdogan gießt eine Soße aus Religion und Nationalismus über die Krise, die er mit seiner Diplomatie und Wirtschaftspolitik verursacht hatte, um sie zu verschleiern. Der Palast schürt die gängige Auffassung. In den ersten Tagen der Krise erklärte Erdogan: „Wenn sie ihren Dollar haben, haben wir unseren Allah.“ In seiner Botschaft zum Opferfest, einem der höchsten islamischen Feiertage, verstieg er sich zu der Behauptung: „Es besteht keinerlei Unterschied zwischen einem Angriff auf unsere Wirtschaft und einem Angriff auf unseren Gebetsruf und unsere Fahne.“

          Die gegenteilige Wirkung

          Erdogan ist zu keinem einzigen konkreten Schritt zur Überwindung der seit ein paar Jahren wie ein Schneeball wachsenden Wirtschaftskrise imstande. Stattdessen wirft er religiöse und nationalistische Diskurse auf den Markt, die der Mittelschicht gefallen, welche ihn an der Macht hält. Als Material für die von ihm geschürte antiamerikanische Stimmung schlägt er vor, das iPhone zu boykottieren. Unverzüglich tauchte in den sozialen Medien ein Video mit Jugendlichen auf, die für Erdogan ein iPhone mit dem Beil zerhacken. In den sozialen Medien machen Aufnahmen von Aktionen die Runde, bei denen per Fotokopie vervielfältigte Ein-Dollar-Noten verbrannt werden.

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