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Brief aus Istanbul : Die Bank gewinnt, das Gewissen verliert

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Die Logik, anderen zu rauben, was man selbst verloren hatte, nahm auch den kurdischen Wählerwillen ins Visier. In den acht Monaten seit den Kommunalwahlen setzte die Regierung vierzehn gewählte Bürgermeister der Kurdenpartei HDP ab, weil sie angeblich „Beziehungen zur Terrororganisation PKK“ haben.

Dabei hatten die HDP-Kandidaten vor der Wahl eine Unbedenklichkeitsbescheinigung von der Wahlkommission eingeholt, genau wie alle anderen Bürgermeisterkandidaten auch. Als sie aber siegreich aus den Urnen hervorgingen, entpuppten sie sich urplötzlich als mit der PKK verbandelt. Einige der Bürgermeister, die in den Provinzen im Osten und Südosten der Türkei mit überwältigender Mehrheit ins Amt gewählt worden waren, wurden verhaftet, der Palast setzte eigene Verwalter auf ihre Posten.

Die soziale Gefahr steigt

Doch auch Maßnahmen, die den Nationalismus anheizen sollen, wie die Missachtung des Wählerwillens der Kurden oder die Militäroperation in Nordsyrien, können den Niedergang der AKP nicht aufhalten. Tagtäglich wächst die Rechnung für die Wirtschaftskrise.

Die Regierung versucht zwar, die Inflation nicht allzu gewaltig erscheinen zu lassen, indem sie Statistiken manipuliert, doch die gefühlten Lebenshaltungskosten liegen weit über den offiziellen Zahlen. Und die Jugendarbeitslosigkeit, die selbst offiziellen Angaben zufolge mittlerweile bei 27 Prozent liegt, stellt eine ernsthafte soziale Gefahr dar.

Der kritische Zustand der Wirtschaft löst Tragödien aus. In der vergangenen Woche wurden in Istanbul vier Geschwister im Alter von 48 bis sechzig Jahren tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Nur eine Schwester der Familie Yetiskin hatte Arbeit. Als Musiklehrerin mühte Oya Yetiskin sich ab, die Geschwister durchzubringen und die Kosten der gemeinsamen Mietwohnung zu zahlen. Schulden hatten sich angehäuft, der Gerichtsvollzieher kassierte bereits die Hälfte ihres Einkommens.

Einundzwanzig Vollstreckungsverfahren waren angestrengt worden. Seit einem Jahr konnte die Familie die Mietnebenkosten nicht begleichen. Unbezahlte Rechnungen für Gas und Strom stapelten sich. Auch beim Krämer im Parterre standen die Geschwister tief in der Kreide. Als Oya Yetiskin nicht mehr ein noch aus wusste, wählte sie den Tod. Doch sie mochte ihre finanziell auf sie angewiesenen Geschwister nicht sich selbst überlassen, also nahm sie die drei mit in den Tod. Mit vergiftetem Saft beendete sie ihrer aller Leben.

Mit einem Federstrich gelöscht

Der Fall ist nicht bloß tragisch. Es handelt sich um eine beschämende Abfolge von Gewissenlosigkeit. Eine halbe Stunde nach dem Abtransport der Leichname klingelte der Stromversorger an der Tür, um wegen unbezahlter Rechnungen den Strom abzustellen. Und wem gehört der Elektrizitätsbetrieb? Er gehört zum Bauunternehmen Cengiz-Kolin, dem Erdogan in seiner Amtszeit unzählige Ausschreibungen zugeschanzt hat.

Wegen rund hundert Euro stellte das Unternehmen in der Wohnung den Strom ab, die Steuerschulden des Unternehmens selbst wiederum in Höhe von 66 Millionen Euro hat Erdogan längst mit einem Federstrich gelöscht. Und was hatte das Unternehmen für die Streichung seiner Schulden tun müssen? Für Erdogan Medien aufkaufen und Propaganda für die AKP betreiben; die Wirtschaftskrise leugnen; die Opposition zu Terroristen erklären; und selbstverständlich auf keinen Fall über diesen Suizid berichten, der Folge der Wirtschaftskrise ist, die die Türkei erschüttert.

Wenige Tage nach dem Gemeinschaftssuizid kam die nächste traurige Nachricht aus Antalya. Der Computertechniker Selim Simsek wusste sich aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation keinen anderen Ausweg mehr, als mit einem chemischen Mittel erst seiner Frau und seinen Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren und anschließend sich selbst das Leben zu nehmen. Simsek war seit neun Monaten arbeitslos und konnte die Miete nicht mehr zahlen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: „Ich bitte alle um Verzeihung, aber mir bleibt nichts anderes übrig. Wir beenden unser Leben.“

Während die Wirtschaftskrise einen Suizid nach dem anderen produziert, kam eine interessante Meldung aus Ankara: Der Palast arbeitet an einer Gesetzesvorlage, die Haftstrafen für jeden vorsieht, der äußert, es gehe der Wirtschaft schlecht. Vermutlich, um auch die Überlebenden noch abzustrafen. Wie hatten wir einleitend gesagt? Die „Bank“ gewinnt immer. Der Verlierer aber ist, wie stets, das Gewissen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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