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Brief aus Istanbul : Die Türkei wird iranisiert

  • -Aktualisiert am

Ankara, am 2. Oktober: Eine junge Frau demonstriert gegen das Regime in Iran und wird – wie etliche andere – von Polizistinnen festgenommen. Bild: Imago

Während die Menschen in Iran gegen das Regime aufbegehren, dreht Erdoğan weiter an der religiösen Schraube. Und sucht die Nähe zu den arabischen Ländern.

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          In den Neunzigerjahren wurde die Türkei immer wieder zur Bühne von Anschlägen und sogenannten „nicht aufgeklärten“ Morden. Sämtliche Opfer waren Persönlichkeiten aus der Politik. Da die Täter nicht identifiziert werden konnten und sich nicht vor der Justiz verantworten mussten, herr­schte die Überzeugung, dass hinter den meisten dieser Morde eine als „tiefer Staat“ bezeichnete Struktur steckte. Es gab deutliche Hinweise darauf, dass insbesondere Menschen, die im Zusammenhang mit der kurdischen Frage in Konflikt mit den Regierenden geraten waren, von einer Gruppe umgebracht wurden, die sich innerhalb des Staates gebildet hatte. Ebenfalls Opfer waren für säkulares Leben eintretende kemalistische In­tellektuelle. Hinter diesen Anschlägen steckten, so die verbreitete Auffassung, radikalislamistische Terrororganisationen, die die Türkei in ein Land verwandeln wollten, das nach den Regeln der Scharia regiert wird. So geriet der Slogan, der bei Beerdigungen der von Fundamentalisten ermordeten Intellektuellen er­klang, zu einem der beliebtesten in der jüngeren türkischen Geschichte: „Die Türkei wird nicht Iran!“

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          Der Bezug auf Iran ergab sich nicht nur daraus, dass in diesem Land die Scharia gilt und man entschlossen war, das nicht in der Türkei zuzulassen. Auch steckten offen von Iran unterstützte Organisationen hinter den Verbrechen.

          Die Türkei mutierte nicht zum zweiten Iran. Unbestrittene Tatsache aber ist, dass unser Land nach dem Regierungswechsel 2002 konservativer geworden ist, dass wir uns vom säkularen Lebensstil ebenso entfernt haben wie von den Prinzipien westlicher Demokratie. Was in den letzten Tagen in Iran vor sich geht, deutet darauf hin, dass das Land sich der (alten) Türkei annähert, während die Türkei sich iranisiert. Gegen die Ermordung Mahsa Aminis in Iran, weil sie das Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen hatte, gab es auch in Istanbul Proteste. Bei der ersten Demonstration auf dem Taksim-Platz im Herzen der Stadt standen in Istanbul lebende Iranerinnen in vorderster Reihe. Iranische Frauen ohne Kopftuch wollten mit Transparenten auf Persisch und Türkisch demonstrieren. Wollen Sie wissen, was der modernen iranischen Frau, die an der Spitze des Zuges ihr Plakat hochhielt, widerfuhr? Eine türkische Polizistin mit Kopftuch nahm sie fest!

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die zweite türkische Stadt, in der es Aktionen zur Unterstützung der Proteste in Iran und zur Verurteilung der brutalen Reaktionen des Regimes gab, war Ankara. Und welchen Ort wählten die Iranerinnen für ihre Kundgebung? Das Mausoleum Atatürks, des Gründers der modernen Türkei, der die Fundamente für die laizistische Lebensform legte. Während wir uns in unserem Land, in dem in den Neunzigern die Parole lautete, die Türkei werde nicht Iran, durch die Maßnahmen des Palastregimes Schritt für Schritt Iran annähern, strömen Menschen aus Iran bei uns auf die Plätze, damit ihr Land wie die alte Türkei wird.

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