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Brief aus Istanbul : Bitte seien Sie recht sensibel, wenn es um Kritik am Staat geht

  • -Aktualisiert am

Menschen demonstrieren auf einer Straße in Istanbul gegen Verhaftungen. Bild: AFP

Wie unfrei wir sind, bestimmen wir immer noch selbst: Die Türkei wird immer kunstfeindlicher.

          4 Min.

          Wir Türken mögen es nicht, wenn man sich in unsere Angelegenheiten einmischt. Bei uns lautet eine Redewendung: „Unsere Nabelschnur durchtrennen wir selbst.“ Uns gefällt es nicht, wenn jemand uns ein Etikett anhängt oder uns in Kategorien einsortiert. Gibt es ein Problem bei uns, braucht das niemand an die große Glocke zu hängen. Nötigenfalls tun wir das schon selbst. Bei Gott, wir sind eine Nation, die sich ihrer selbst bewusst ist!

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          Von dieser „Sensibilität“ spreche ich nicht ohne Grund. Der kürzlich veröffentlichte Report des amerikanischen Thinktanks Freedom House aktivierte diesen Zug aufs Neue. Laut Freedom of the World 2018 steht die Türkei jetzt auf der Liste der „unfreien Länder“. In den Vorjahren war uns bescheinigt worden, „teilweise frei“ zu sein. Was es bedeutet, auf der Liste der „freien Länder“ zu stehen, haben wir sowieso nie erfahren. Jetzt aber spielen wir in der untersten Liga gemeinsam mit Syrien, Sudan und Eritrea. Dem Report zufolge ist die Türkei das Land, in dem die Freiheiten innerhalb der vergangenen zehn Jahre am stärksten beschnitten wurden.

          Nicht, dass wir das nicht gewusst hätten. Wir sind ja wohl nicht darauf angewiesen, von den Amerikanern zu erfahren, in was für einer Phase wir stecken. Tagtäglich erleben wir die Realität am eigenen Leib. Das war auch nach Veröffentlichung des Reports nicht anders. Der Staat setzte seine Unterschrift weiter unter Maßnahmen, die zeigen, wie verdient der Platz auf der Liste der unfreien Länder ist.

          Bild: F.A.Z.

          Als erstes verbot die Regierung unseres „unfreien Landes“ ein Theaterstück. „Nur Diktator“, das ich bereits im letzten Brief erwähnt hatte, ist mittlerweile landesweit verboten. Wer das Ein-Personen-Stück von und mit dem Schauspieler Bariş Atay in Istanbul ein letztes Mal sehen wollte, wurde am Eingang von Dutzenden Polizisten in Empfang genommen. Offenbar wollte der Staat den „Letzten Diktator“ nicht Atay überlassen, sondern selbst aufführen.

          Laut offiziellem Protokoll sind die Regierenden der Auffassung, ein Theaterstück könne „sich negativ auf die öffentliche Ordnung und Sicherheit auswirken, das Wohl von Polizei und Öffentlichkeit in Gefahr bringen und Ruhe und Frieden in der Gesellschaft zerstören“. Auch in den Jahren, als wir „teilweise frei“ waren, wurden bei uns Zeitungen verboten, Journalisten verhaftet und Theaterstücke verboten. Neu aber ist, dass ein Künstler persönlich verboten wurde. Dem Gouverneur von Ankara reichte es nicht, das Stück zu verbieten, er untersagte Atay jedwede Aktivität in der Stadt.

          „Wer auf die Straße geht, wird teuer bezahlen.“

          Um in der Liga der „unfreien Länder“ mit Verbot belegt zu werden, muss gar keine Politik im Spiel sein. Der Staat untersagte auch ein von Studenten in den Semesterferien organisiertes Musikfestival. Warum? Ganz einfach: Das Festival, auf dem weder Alkohol noch Zigaretten verkauft werden sollten, wurde verboten, weil es „Anreiz zum Konsum von Alkohol und Tabakwaren“ schaffe. Bemühen Sie sich gar nicht erst, den Satz zweimal zu lesen und einen Sinn darin zu suchen. Auf Druck einer islamistischen Stiftung verweigerte die Präfektur von Istanbul aus dem genannten absurden Grund 15000 Studenten die Genehmigung, sich in den Ferien zu vergnügen. Es ist eben gar nicht so einfach, ein „unfreies Land“ zu sein.

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