https://www.faz.net/-gqz-8l3x6

Brief aus Istanbul : Die Rückkehr der Sippenhaft

  • -Aktualisiert am

Die alte Militärakademie in Istanbul ist aufgrund von Massenentlassungen nicht mehr funktionsfähig. Alles Gülenisten? Wohl kaum. Bild: AFP

Schuld, so will es das universelle Recht, ist immer individuell. Das gilt in Erdogans Türkei aber nur dann, wenn der Angehörige Mitglied der AKP ist, wie das Beispiel eines führenden Putschisten zeigt.

          Die Nacht vom 15. auf den 16. Juli war vielleicht die längste Nacht in der Geschichte der Türkei – und die finsterste. Finster war sie nicht allein wegen der Wolken des Übels, die sie über unserem Land aufziehen ließ, sondern weil der blutige Putschversuch noch immer Fragen aufwirft.

          Es ist der Morgen nach der längsten Nacht, im Garten des Çankaya-Palastes, den Erdogan räumte, als er in den für ihn errichteten Tausend-Zimmer-Palast umzog, über dessen Kosten wir nach wie vor im Unklaren gehalten werden. Das historische Gebäude in Çankaya, seit Atatürk Residenz der Staatspräsidenten, nun aber dem Amt des Premierministers angegliedert, war im neunzehnten Jahrhundert von einem armenischen Händler errichtet worden; später, heißt es, sammelte die Bevölkerung Geld, kaufte das Grundstück auf und machte es dem ersten Staatspräsidenten der armen Republik zum Geschenk. Im Garten dieses symbolträchtigen Palasts landete am Morgen des 16. Juli gegen 10.30 Uhr ein Hubschrauber. Aufgezeichnet von der staatlichen Nachrichtenagentur, war diese Landung der wichtigste Moment: Nun wurde der Welt verkündet, der Putsch sei vollständig niedergeschlagen und die legitime Regierung habe die Kontrolle in der Hand.

          Disziplin, absoluter Gehorsam und klare Führung

          Aus dem Hubschrauber stieg zuerst Generalmajor Mehmet Dişli, Leiter der Abteilung Strategie im Generalstab. Auf dem Rasen nahm er Haltung an und entrichtete dem zweiten aus dem Hubschrauber steigenden Mann seinen militärischen Gruß. Bei diesem behäbig herauskletternden Mann handelte es sich um den Generalstabsvorsitzenden Generaloberst Hulusi Akar, der in der Nacht vom 15. Juli im Generalstabsquartier als Geisel genommen und, solange die Gefechte andauerten, auf einem Stützpunkt in der Nähe von Ankara festgehalten worden war.

          Er wirkte erschöpft und demoralisiert. Es war der Morgen des schlimmsten Tags in seiner Laufbahn. Die Armee, von der er glaubte, sie souverän zu lenken, hatte sich aufgeschwungen, ihn und die Regierung des Landes zu stürzen. Als rund vier Monate vor dem Coup Gerüchte über einen Putsch in Umlauf gekommen waren, hatte die Armeeführung folgende Verlautbarung abgegeben: „In den türkischen Streitkräften herrschen Disziplin, absoluter Gehorsam und klare Führung. Jede ungesetzliche Formation außerhalb der Kommandokette und/oder Zugeständnisse an das Verfahren sind ausgeschlossen. Gegen alle, die Meldungen oder Kommentare (bezüglich eines Putsches) abgeben, wurden rechtliche Schritte eingeleitet.“

          Ein Bruder in der Politik, einer in der Armee

          Der Befehlshaber einer Armee, die angekündigt hatte, jene, die vier Monate zuvor von Putschvorbereitungen geschrieben hatten, rechtlich zu belangen, stieg nach zwölf Stunden in Geiselhaft am Morgen nach dem Putschversuch aus dem Hubschrauber, um den Premierminister zu treffen. Er hatte nicht nur einen lebenslang untilgbaren Fleck auf der Stirn. Die Spur an seinem Hals war mindestens so ehrverletzend wie die Tatsache, dass er seinen Sessel nicht souverän verteidigt hatte. Die Putschisten hatten ihm einen Gürtel um den Hals gebunden, unter dem Kragen waren die roten Striemen noch zu erkennen.

          Rasch verließ er mit Generalmajor Mehmet Dişli den Bereich der Kameraobjektive. Dişli verfügte neben seiner Position in der Armee über eine weitere Verbindung. Er ist der Bruder von Şaban Dişli, dem stellvertretenden Vorsitzenden der von Erdogan gegründeten AKP, die seit vierzehn Jahren an der Macht ist. Ein Bruder betrat die politische Bühne, der andere erklomm die Karriereleiter in der Armee.

          Ein Mitglied der türkischen Streitkräfte vor dem Cankaya-Palast, dem alten Regierungsgebäude aus Atatürk-Zeiten.

          Einige Stunden nachdem diese Aufnahmen, die offiziell das Ende des Coups verkündeten, die Runde gemacht hatten, verbreitete sich eine verblüffende Meldung: Gegen Generalmajor Dişli, der gemeinsam mit dem Generalstabschef den Premierminister aufgesucht hatte, war Haftbefehl ergangen, weil er zu den Planern des Putsches gehört haben soll.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Worauf es ankommt

          Erinnerung an Hitler-Attentat : Worauf es ankommt

          Am 20. Juli 1944 scheiterte das Unternehmen Walküre, der letzte Versuch, Adolf Hitler zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Die Erinnerung an diesen Tag und Stauffenberg, den Mann der Tat, bleibt kontrovers – und damit lebendig.

          Topmeldungen

          Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

          Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.
          Gebannte Blicke im Königreich: Am Mittwoch soll Königin Elizabeth II. den neuen Premierminister ernennen.

          Regierungswechsel in London : Die Woche der Entscheidung

          In Großbritannien beginnt eine innenpolitisch spannende Woche. Die Tories wählen einen neuen Vorsitzenden und damit zugleich den neuen Premierminister. Wir fassen zusammen, was wann geschieht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.