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Brief aus Istanbul : Die muslimische Schildkröte

  • -Aktualisiert am

Er macht immer weiter, auch mit dem Krieg: Recep Tayyip Erdogan vor ein paar Tagen vor Anhängern seiner Partei im türkischen Parlament. Bild: dpa

Recep Tayyip Erdogan ist jedes Mittel recht, um an der Macht zu bleiben. Während die Menschen in der Türkei hungern, erzählen seine Leute immer neue Märchen.

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          Lesen Sie surreale Nachrichten aus der Türkei und denken: „Das geht jetzt aber wirklich zu weit!“, hilft Ihnen vielleicht ein Faktum, das ich gleich mit Ihnen teilen möchte, damit Sie sich nicht immer wieder aufs Neue wundern. Betrachten Sie die Angelegenheit durch diesen Filter, wird verständlicher, wie es in der „neuen Türkei“ zugeht. Die Erdogan-Regierung folgt einem einzigen Prinzip: auf keinen Fall die Macht verlieren, um jeden Preis im Zentrum der politischen Macht und der Finanzquellen bleiben!

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Erdogan wird häufig vorgeworfen, Islamist zu sein, doch ich denke, man tut ihm da Unrecht. Erdogan ist kein Islamist, auch kein Freund der Vereinigten Staaten oder Putins. Israel steht er weder als Freund noch als Feind gegenüber. Auch für Europa hegt er weder besondere Feindschaft noch Freundschaft. Erdogan ist allein ein Freund von Erdogan. Wenn es ihm nützt, lädt er die grausamsten Diktatoren der Welt in seinen Palast oder er erteilt Lektionen in Demokratie. Ist das Instrument, das ihn an der Macht hält, gerade die Religion, unternimmt er Schritte, die dem Islamismus dienen. Braucht er den Nationalismus, führt er das Land in den Krieg. Und das geringste Geschehen, das ihn vom Zentrum der Macht und des Geldes entfernen könnte, treibt ihn zur Weißglut.

          Um dieser Politik Dauer zu verleihen, schuf er ein schlichtes Wirtschaftsmodell: Rendite für Unternehmer generieren, die seine Politik finanzieren und seine Regierungszeit verlängern, statt Wohlstand für breite Kreise schaffen. In den Tagen, als der Westen ihm die Rolle des „Muslim-Demokraten“ abkaufte, der die Militärherrschaft beendet hat, war dieses Modell vorübergehend von Erfolg gekrönt. Doch mit der Zunahme politischer wie ökonomischer Unwägbarkeiten versiegte der Zufluss von Geldern aus dem Ausland. Was uns blieb, waren Autoritarismus und Armut.

          Bülent Mumay

          Autoritarismus betraf Erdogans politische Gegner, die Wirtschaftskrise dagegen das ganze Land. Gerade die Erdogan tragenden unteren und mittleren Schichten kämpfen mit der Armut. Kein Tag, an dem wir nicht von Suiziden aufgrund von Pleiten, Arbeitslosigkeit und Krise lesen. Ein Lastwagenfahrer im konservativen Konya, einem von Erdogans Stimmenreservoirs, nahm sich das Leben, weil er seine Schulden nicht zurückzahlen konnte. Er erhängte sich in dem Lkw, der ihm seinen Lebensunterhalt gesichert hatte. Ein Vater in Hatay, einer Stadt nahe der syrischen Grenze, wählte den Tod, weil er keine Arbeit mehr fand. Vor der Präfektur protestierte er: „Meine Kinder haben Hunger, ich will arbeiten, versteht ihr?“ Dann zündete er sich an. Die Gewissen drückte nicht allein sein Freitod, sondern auch das Statement der AKP-Stadtverordneten Selma Gökçen dazu: „Auf derart billige politische Manöver fällt die Nation nicht herein!“

          Eine denkwürdige Festnahme

          Von der Krise verursachte Tragödien ereignen sich auch in Ankara, wo der Präsidentenpalast steht. Ein Vater stellte sich vor das Parlamentsgebäude, rief: „Ich habe Hunger, meine Kinder haben Hunger“, und überschüttete sich mit Benzin. Die Schutzpolizisten am Parlament konnten den Mann gerade noch davon abhalten, sein Feuerzeug zu zünden. Dem Tod entging der verzweifelte Vater, nicht aber der Verhaftung. Gleich nach dem Selbstmordversuch wurde er festgenommen, weil er eine „illegale Aktion durchgeführt“ hatte.

          Sogar in Anwesenheit Erdogans rebellierte ein Mann gegen die Arbeitslosigkeit. Ein Zuschauer der AKP-Fraktionssitzung im Parlament unterbrach Erdogans Rede mit: „Die haben mich gefeuert, mein Kind hat Hunger!“ Sofort wurde die Live-Übertragung der Erdogan-Rede im Fernsehen abgebrochen, der rebellierende Vater festgenommen. Eine denkwürdige Festnahme gab es in Istanbul: Wegen Äußerungen gegen die Opposition wollte Nuri B. Erdogan ein Schreiben per notarieller Zustellungsurkunde senden. Der Notar rief die Polizei, sie nahm Nuri B. fest. Die Zeile: „Ich erkenne Sie nicht als Staatspräsidenten an“, wurde als Präsidentenbeleidigung gewertet.

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