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Brief aus Istanbul : Die Erotik von Speiseeis

  • -Aktualisiert am

Ein Eisverkäufer in Istanbul Bild: Picture-Alliance

Um die Moral der türkischen Nation zu schützen, will die staatliche Zensurbehörde Reklame für Speiseeis verbieten. Derweil wird den Menschen die Wirtschaftslage als Schicksal verkauft.

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          Ihnen entgeht vieles, weil Sie kein Türkisch können, denke ich. Damit meine ich gar nicht in erster Linie, dass Sie auf diese Weise die großartigen Dichter und Schriftsteller der türkischen Literatur von Nâzim Hikmet bis Yaşar Kemal nicht im Original lesen können. Sie verpassen auch all die tragikomischen Nachrichten, die wir in Erdogans „neuer Türkei“ jeden Morgen zu lesen bekommen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie blättern morgens in der Zeitung und erfahren, dass die staatliche Zensurbehörde vorhat, Reklame für Speiseeis zu verbieten.

          Nun glauben Sie nicht, dem Staat ginge es darum, uns jetzt zu Beginn der Wintermonate vor Krankheit durch Genuss von Speiseeis zu bewahren. Nicht um unsere Gesundheit ist er besorgt. Vielmehr ist man in der Regulierungsbehörde für Radio und Rundfunk der Auffassung, Eisreklame beinhalte sexuelle Assoziationen. Offenbar sieht der Staat in dem Eis, dessen Werbung wir sehen, andere Dinge. Laut Zensurbehörde „könnten in Eisreklame peinliche Angelegenheiten und die allgemeinen moralischen Grenzen überschreitende Probleme vorkommen“. Nachdem Geldstrafen nichts geändert hatten, planen die von Eiswerbung offensichtlich hocherregten Zensoren jetzt „härtere“ Maßnahmen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Der Staat, der die Moral der ganzen Nation schützt, indem er in die Eisreklame eingreift, will auch wissen, mit wem wir in welchem Hotel was tun. Aufgrund der Wirtschaftskrise sind die staatlichen Kassen leer. Vergangene Woche verkündete der Staat neue Steuern. Eine davon ist die sogenannte „Übernachtungssteuer“. Mir ist, als hörte ich Sie sagen: „Na und?“ In zahlreichen Ländern kommt zur Hotelrechnung eine Tourismusabgabe oder City Tax hinzu, das ist normal. Doch hier führt die Methode, mit der die Steuer erhoben wird, dazu, dass der Staat Einblick in Ihr Privatleben erhält. Bei dem vom Tourismusministerium geplanten System melden GSM-Betreiber dem Staat, an welchen Orten die Gäste in welchen Hotels einchecken. Das soll potentielle „Verluste und Durchrutscher“ bei der Übernachtungssteuer vermeiden.

          Bülent Mumay

          Mit Türkischkenntnissen könnten Sie auch folgende Nachricht lesen, die zu denken gibt. Das Ereignis fand im ostanatolischen Erzincan statt. Wegen Verdachts auf Terrorismusunterstützung durchsuchten Gendarmen dort den Bücherschrank in einem Haus und beschlagnahmten zwei Bücher. Dabei handelte es sich nicht einmal um „verbotene“ Bücher, sondern um Werke zur politischen Geschichte, die Bestseller waren, als sie erschienen. Nach monatelangen Ermittlungen konnte niemandem im Haus irgendeine Verbindung zu Terrorismus nachgewiesen werden. Man ließ die Verdächtigen laufen, nur die Bücher kamen nicht frei. Die Staatsanwaltschaft ordnete an, die „bedenklichen“ Bücher zu vernichten. Also verbrannten Gendarmen die Werke im Heizkessel. Der Staatsanwaltschaft wurde per Protokoll mitgeteilt, die Anweisung sei ausgeführt worden. Unser Staatspräsident hatte ja einmal gesagt, Bücher seien gefährlicher als Bomben.

          Da Sie kein Türkisch können, sind Ihnen vermutlich auch andere ähnlich deprimierende Ereignisse entgangen. Manche von uns, die wir des Türkischen mächtig sind, verlassen aber auch die Türkei, um solcherlei Meldungen nicht mehr hören, solches Geschehen nicht mehr mit ansehen zu müssen. Die Auswanderungswelle setzte nach der gewaltsamen Niederschlagung der Gezi-Proteste 2013 ein, sie wächst, je autoritärer die Verhältnisse in der Türkei werden. Einem Bericht des Präsidentenpalasts zufolge ist die Rate der Auswanderer 2018 im Verhältnis zum Vorjahr um zwanzig Prozent angestiegen. Die Leute gehen, weil ihre Freiheiten beschnitten werden, aber auch, weil sie kaum noch ein Auskommen finden. Wer bleibt, harrt verzweifelt aus. Im letzten Brief berichtete ich von zwei Familien, die aufgrund der Wirtschaftskrise gemeinschaftlich Suizid begangen hatten. Leider wählte letzte Woche eine weitere Familie diesen Weg, weil sie nicht mehr für ihren Unterhalt sorgen konnte.

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