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Brief aus Istanbul : Die Erotik von Speiseeis

  • -Aktualisiert am

Einer von drei jungen Leuten ist arbeitslos

Die Überlebenden sehen sich einem traurigen ökonomischen Szenario gegenüber. Weiterhin bekommen die Bürger die von Erdogan verantwortete Wirtschaftskrise in Form von Arbeitslosigkeit und Armut zu spüren. Offiziellen Angaben zufolge ist die Arbeitslosigkeit auf vierzehn Prozent geklettert. Als die AKP an die Regierung kam, lag sie bei acht Prozent. Allein im letzten Jahr verlor eine Million Menschen den Arbeitsplatz. Das Schlimmste daran ist, dass einer von drei jungen Leuten arbeitslos ist und eine von zwei Frauen in urbanen Regionen. Nicht einmal die offiziellen Statistiken können die für den sozialen Frieden bedrohliche Lage verheimlichen.

Erdogan aber meint, nicht die Krise oder die Wirtschaftspolitik der Regierung seien für den Anstieg der Arbeitslosigkeit verantwortlich: „Die Arbeitslosigkeit steigt nicht, weil wir nicht für Beschäftigung sorgen würden, sondern weil es mehr Arbeitssuchende gibt.“ Das soll wohl heißen, unser Präsident will nicht, dass jene, die ihren Job verloren haben, sich einen neuen suchen! Manche, die keine Arbeit mehr suchen, greifen zu seltsamen Methoden, um satt zu werden. Süleyman C. etwa in einer Kleinstadt an der Ägäis beschädigte an ein und demselben Tag fünf Geldautomaten und drei Überwachungskameras. Als er festgenommen wurde, begründete er seine Taten folgendermaßen: „Ich bin arbeitslos, ich lebe auf der Straße. Ich habe das getan, um ins Gefängnis zu kommen.“

„Materielle und immaterielle Sorgen sind Schicksal.“

Doch selbst wenn Leute wie Süleyman C. aufhören, Arbeit zu suchen, stellt sich die Lage der türkischen Wirtschaft bedrohlich dar. Täglich wächst die Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung und klafft die Schere der Löhne und Gehälter weiter auseinander. Das Palastregime polarisiert das Land nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch. Unter der Erdogan-Regierung vervielfachten die Reichen ihr Kapital. Die unteren und mittleren Schichten dagegen verarmten weiter. Als die AKP 2002 die Regierung übernahm, hielten die reichsten zehn Prozent des Landes zusammen 67,7 Prozent des Kapitals, heute sind es 81,2 Prozent. Auf der anderen Seite ist der Anteil von neunzig Prozent der Bevölkerung am Gesamtkapital von 32,3 auf 18,8 Prozent gesunken. Damit sich dieses gefährliche Bild nicht in einen Aufstand verwandelt, werden neben polizeilichen auch religiöse Maßnahmen ergriffen. In der offiziellen Freitagspredigt forderte die dem Palast unterstellte Religionsbehörde Diyanet die Bürger auf, wirtschaftliche Schwierigkeiten still hinzunehmen: „Materielle und immaterielle Sorgen sind Schicksal. Die Welt ist eine Welt der Prüfungen. Verkehrt euer Leiden nicht in Aufstand.“

Die Arbeitslosenzahlen brachen im letzten Monat Rekorde, aber auch die Ausgaben der Staatsführung. Die Kosten für Materialien und Dienstleistungen der Machthaber in Ankara stiegen binnen Monatsfrist von 4,1 Milliarden auf 7,9 Milliarden Lira. Die Ausgaben aus Erdogans Reptilienfonds, einem Geheimbudget ohne jede Kontrolle, stiegen innerhalb eines Monats um das Zehnfache auf nunmehr 1,8 Milliarden. So steht auf der einen Seite die Realität der unter Armut leidenden Bürger und auf der anderen die Realität jener, die die Arbeitslosen selbst für die Arbeitslosigkeit verantwortlich machen. Wie sagte noch gleich Ludwig Feuerbach, der berühmte Philosoph aus Ihrem Land: „In einem Palast denkt man anders als in einer Hütte.“

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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