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Brief aus Istanbul : Die Belagerung durchbrechen

  • -Aktualisiert am

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erläutert am 18. März Maßnahmen seines Landes in der Corona-Pandemie. Bild: EPA

In Allahs Haus breitet sich das Virus nicht aus? Die religiöse Autokratie fürchte offenbar Proteste ihrer konservativen Basis, Theologen suchen Begründungen, und Erdogan schützt sich mit Wärmebildkameras.

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          Anfang der neunziger Jahre fiel in der Türkei eine Reihe kemalistischer Intellektueller offiziell nie aufgeklärten Mordanschlägen zum Opfer. Gemeinsam war diesen Journalisten und Wissenschaftlern ihre hohe Sensibilität in Sachen Laizismus. Gemeinsam war auch der Slogan, der danach bei den Beerdigungen der Opfer mit massenhafter Beteiligung skandiert wurde: „Die Türkei wird nicht Iran werden.“ In der Öffentlichkeit herrschte die Meinung vor, hinter den Verbrechen stecke der Iran. Mit dem Slogan wurden der Iran und seine Absicht, das islamistische Regime zu exportieren, verurteilt und aus den Mündern Hunderttausender verkündet, man werde nicht zulassen, dass die Türkei in einen Scharia-Staat verwandelt wird.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die Türkei wurde kein Iran, eine Demokratie auf laizistischer Grundlage blieb uns dennoch nicht erhalten. Seit Beginn der nuller Jahre erlebten wir, wie eine Bewegung, die sich zunächst als muslimisch-demokratisch darstellte, die Türkei Schritt für Schritt in eine religiös geprägte Autokratie transformiert hat. Dass die Türkei erst sehr spät Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie ergriff, brachte den Slogan von damals erneut in Erinnerung. Richtig, wir sollten nicht wie Iran werden, der es lange versäumte, die Epidemie ernst zu nehmen. Die kühnen Schritte aber, welche die Regierung vor allem in religiösen Bereichen unternahm, nachdem sie sich endlich der Katastrophe gestellt hatte, zeigten, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, wie Iran zu werden.

          Bülent Mumay

          Unmittelbar nach dem Eingeständnis der Corona-Krise verbot der Iran das Freitagsgebet, das gläubige Männer gemeinschaftlich verrichten, und setzte die Fußball-Ligen aus. Welche Maßnahme ergriffen die Regierenden der Türkei nach dem ersten offiziellen Corona-Fall? Sie schlossen Gaststätten mit Alkoholausschank! Die Freitagsgebete, zu denen jede Woche rund zwanzig Millionen Männer strömen, liefen weiter. Die religiöse Autokratie fürchtete offenbar Proteste ihrer konservativen Basis. Auch in den Fußball-Ligen mit Hunderttausenden Zuschauern wurde weitergespielt.

          Ankara rührte keinen Finger

          Reiner Zufall selbstverständlich, dass es ein Unternehmen aus dem mit Erdogan verbündeten Qatar ist, das die Rechte für die Live-Übertragung der Spiele in der Türkei hält. Ebenso Zufall, dass die Firma, die Millionen an Fußballwetten verdient, einem Erdogan nahestehenden Medienmogul gehört. Kein Zufall war hingegen, dass erst spät Maßnahmen für die Moscheen in der Türkei erlassen wurden. In konservativen Kreisen glauben manche, das Virus würde Moscheen verschonen. Der Ansteckungsgefahr trotzende Moscheebesucher sagten Reportern: „In Allahs Haus breitet sich das Virus nicht aus. Außerdem stehen im Koran Suren für Heilung. Die lesen wir ständig. Niemand stirbt vor seiner Zeit.“

          Als eine der nächsten Maßnahmen stellte die Regierung Einreisende aus Europa unter Quarantäne. Das war richtig. Doch die rund 21.000 Pilger, die zur selben Zeit von der Umrah aus Mekka heimkehrten, konnten sich frei bewegen und nach Hause fahren. Die saudische Regierung hatte wegen der Ansteckungsgefahr bereits die Kaaba gesperrt, Ankara aber rührte keinen Finger. Die Umrah-Heimkehrer saßen zu Hause und ließen sich von den Verwandten, die sie nach der Pilgerreise willkommen hießen, die Hände küssen. Erst auf Proteste in der Öffentlichkeit wurden einige wenige heimgekehrte Pilger unter Quarantäne gestellt. Mitten in der Nacht holte man Studenten aus ihren Wohnheimen und brachte die Pilger in den freigeräumten Zimmern unter.

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