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Brief aus Istanbul : Habt ihr kein Brot, esst doch die Hagia Sophia!

  • -Aktualisiert am

Der Andrang der Gläubigen vor der Hagia Sophia ist groß – noch. Bild: Bülent Mumay

„Daraus eine Moschee zu machen macht hier keinen satt“: Früher füllten ausländische Touristen in Shorts den Platz vor der Hagia Sophia, jetzt sind es Frauen mit Kopftuch oder Çarsaf, dem türkischen Tschador.

          3 Min.

          Vor rund tausendfünfhundert Jahren hat der damalige Kaiser Justinian die Hagia Sophia als Kirche errichtet. Das blieb sie bekanntlich bis 1453, als die Osmanen Konstantinopel, das heutige Istanbul, eroberten. Von da an war sie eine Moschee, bis Atatürk sie 1935 in ein Museum umwidmete. Jetzt, seit dem vergangenen Freitag, ist die Hagia Sophia wiederum eine Moschee. Und der Ausdruck des fortwährenden Bestrebens des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Stimmen der rechten Mitte und der Religiösen für sich zu gewinnen, die seiner Partei AKP inzwischen verlorengegangen sind.

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          Aus diesem Grund tat er auf die Gefahr internationaler Proteste hin nun, was er in den achtzehn bisherigen Jahren seiner Regierung nicht getan hatte. Er ließ den Beschluss Atatürks von 1934, die Hagia Sophia zum Museum zu machen, per Gericht annullieren und eröffnete sie am vergangenen Freitag offiziell als Moschee. Mit rund fünfhundert geladenen „akkreditierten Gläubigen“ hielt er dort das Freitagsgebet ab. „Gewöhnliche Gläubige“ durften den historischen Augenblick auf Gebetsteppichen miterleben, die vorn am Sultanahmet-Platz, an dem die Hagia Sophia steht, unter Einhaltung der Abstandsregeln ausgebreitet worden waren.

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Die Menge vor der „Hagia Sophia Moschee“, wie sie jetzt heißt, hat in den Tagen nach dem ersten Freitagsgebet vom 24. Juli noch nicht abgenommen. Aus ganz Anatolien strömen etliche zehntausend Menschen herbei. Auch zahllose Deutschtürken, unschwer an ihrem Türkisch mit Akzent zu erkennen, kommen zum Besuch des umgewidmeten historischen Bauwerks nach Istanbul. Als in Istanbul lebender Journalist wollte ich mir diese historische Phase einmal aus der Nähe ansehen. Von meiner Wohnung aus machte ich mich am Sonntag zu Fuß auf zum Sultanahmet-Platz. Bereits mehrere Kilometer entfernt war die Hagia-Sophia-Stimmung zu spüren. Auf der Galatabrücke über dem Goldenen Horn heißen uns große Schilder des AKP-regierten Bezirks mit Dank an Erdogan willkommen. Nach der Brücke geht es weiter zur historischen Halbinsel mit Topkapi-Palast, Hagia Sophia und Sultanahmet- beziehungsweise Blauer Moschee. Hier ist die „Moschee-Euphorie“ noch weitaus größer. Plakate von Erdogan, Seite an Seite mit Sultan Mehmet II., der 1453 Istanbul erobert hatte, zieren die Mauern. In großen Gruppen strömen die Menschen von der Küste zur Hagia Sophia hinauf: Straßenhändler bieten Flaggen mit dem osmanischen Wappen feil, Männer mit Fez oder Sultanskaftan sind unterwegs, meist verhüllte Frauen mit Kind und Kegel.

          Als ich den Sultanahmet-Platz erreiche, einen der touristischen Hauptanziehungspunkte in Istanbul, war die Menge noch weiter angeschwollen. Bis zur Straße stehen die Menschen Schlange, um in die Hagia Sophia zu kommen, nach Männern und Frauen getrennt. Hineinzukommen ist gar nicht so einfach. Man muss zwei Sicherheitsringe passieren und mindestens eine Stunde warten, bis man endlich drin ist. Wer bei nahezu 35 Grad nicht in der Sonne warten will, macht ein Picknick unter den Bäumen draußen, bis die Schlange kleiner wird.

          Rast im Schatten, bis die Schlangen kürzer werden: vor der Hagia Sophia, wenige Tage nach ihrer Umwandlung in eine Moschee
          Rast im Schatten, bis die Schlangen kürzer werden: vor der Hagia Sophia, wenige Tage nach ihrer Umwandlung in eine Moschee : Bild: Bülent Mumay

          Früher füllten ausländische Touristen in Sandalen, Shorts und Unterhemd den Platz, jetzt sind es Frauen mit Kopftuch oder Çarsaf, dem türkischen Tschador. Es herrschte Volksfeststimmung. Stände mit Maronen oder Maiskolben, ambulante Händler, die Fälschungen bekannter Marken anbieten. Still wurde es erst, als der Ruf zum Nachmittagsgebet erklang. Vor den sonst von ausländischen Touristen überlaufenen Cafés und Eisdielen drängelten sich jetzt zur Hagia Sophia strömende Türken.

          Ob Erdogan so seinen Stimmenschwund stoppen kann?

          Was bedeutet dieser Zustrom politisch? Welche Auswirkungen wird es haben, dass Erdogan, der ja bereits seit achtzehn Jahren regiert, jetzt die Hagia Sophia in eine Moschee umgewidmet hat? Für eine Antwort auf diese Fragen müssen wir keine großartigen politischen Analysen anstellen. Die Worte des Inhabers eines Cafés, der früher ausländischen Touristen kaltes Bier servierte und heute die Besucher der Hagia Sophia Moschee mit Tee und Kaffee versorgt, sprechen für sich: „Daraus eine Moschee zu machen macht hier keinen satt. Die Leute, die jetzt herkommen, weil sie Moschee wurde, sind in ein paar Tagen wieder weg. Touristen, die dem Land Devisen bringen, kommen sowieso nicht wieder. Mit der Wirtschaft wird es nur noch schlimmer werden.“ Als ich ihn frage, ob ich seine Worte mit seinem Namen zitieren darf, zeigt seine Antwort, welch ein Klima der Angst in der Türkei herrscht: „Um Gottes willen, ich will mir ja nicht den Unmut des Reis zuziehen!“ („Reis“, wörtlich Oberhaupt, wird Erdogan von seinen Anhängern genannt.)

          Unweit der Hagia Sophia suchen die Ärmsten im Müll nach Nahrung.
          Unweit der Hagia Sophia suchen die Ärmsten im Müll nach Nahrung. : Bild: Bülent Mumay

          Mit den Worten des Café-Betreibers im Kopf laufe ich auf dem Heimweg durch den Gülhane-Park unterhalb des Topkapi-Palasts zur Küste hinunter. Da sehe ich ein junges Mädchen am Fuß der hohen Mauern die Müllbehälter nach Essbarem durchwühlen und fühle mich mit der harten Realität der kurz zuvor gehörten Analyse konfrontiert. Der Eindruck findet kurz darauf Bestätigung. Kaum hundert Meter weiter kramt eine junge Frau im Mülleimer einer Fast-Food-Kette auf der Suche nach Essbarem für sich und das Kind vor ihrer Brust. Dessen zwei Brüder versuchen, sich an dem Brot satt zu essen, das sie aus dem Müll gefischt haben.

          Ob Erdogan seinen Stimmenschwund stoppen kann, indem er den Hunger leidenden Millionen, wie einst Marie Antoinette, zuruft: „Wenn ihr kein Brot habt, esst doch die Hagia Sophia“? Zweifelsohne wird er das Herz der Konservativen und Mitte-rechts-Wähler für eine Weile gewinnen. Doch wenn sie von der Hagia Sophia heimkehren und den Kühlschrank öffnen, wird der weiter leer sein.

          Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

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