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Brief aus Istanbul : Der älteste Wähler ist hundertfünfundsechzig

  • -Aktualisiert am

Von der Moschee in Hakkari hängen Eiszapfen. Wenn es kalt ist, rückt man gern zusammen. Ob aber eine einzige Wohnung in der osttürkischen Stadt tatsächlich Platz für die 1108 hier registrierten Wähler bietet? Bild: Picture-Alliance

Ende März sind Kommunalwahlen: Erdogan fürchtet, die hohen Lebenshaltungskosten könnten der AKP schaden. Also öffnete er die Tore für den Import. Das Wahlregister bietet unterdessen allerlei Ungewöhnliches.

          Diesen Satz kennt jeder Bürger der Türkei über dreißig: „Die Türkei ist eins von sieben Ländern, die sich selbst versorgen können.“ Der stolzmachende Satz stand in unseren Erdkundelehrbüchern, damit wurden wir aufgezogen. Uns wurde beigebracht, dass in unserem Heimatland, in dem alle vier Jahreszeiten zur gleichen Zeit herrschen, alles wachse und wir auf niemanden angewiesen seien, um satt zu werden. Er mag eine Portion Propaganda enthalten, aber ganz falsch war der Satz nicht. Die industrielle Revolution hatten wir verpasst, Fakt war also, dass wir zwar für die Produktion Importe benötigten, als Agrarland aber sehr gut aufgestellt waren.

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          Um den erwähnten Stolz zu verinnerlichen, begingen wir jeden Dezember in der Schule feierlich die Woche des Regionalprodukts. In dieser Woche fiel uns Schülern ein einfaches Ritual zu, mit dem der Geldabfluss ins Ausland unterbunden und ein Bewusstsein für Sparsamkeit geweckt werden sollte. Jeder brachte etwas mit, das in unserem Land wuchs. Haselnüsse vom Schwarzen Meer, Rosinen von der Ägäis, Apfelsinen vom Mittelmeer präsentierten wir auf unseren Tischen, anschließend verzehrten wir gemeinsam die heimischen Produkte der Türkei, „einem von sieben Ländern, die sich selbst versorgen“.

          In den achtziger Jahren öffnete die Türkei der Marktwirtschaft ihre Pforten. Die Industrialisierung nahm ungeregelt Fahrt auf, Fabriken schossen aus den fruchtbarsten Böden im Land. Da die Industrialisierung ungeplant verlief, nahm die Agrarfläche stetig ab, und die von der Industrie benötigte Bevölkerung strömte in die Städte. Darum geriet das Selbstversorger-Land in den Neunzigern ins Stolpern. Anfang der nuller Jahre war die türkische Wirtschaft bankrott. Um sie wieder auf die Beine zu bringen, griff man zu einem IWF-Programm. Dessen Bestimmungen verlangten, die Subventionierung der Agrarwirtschaft abzuschaffen. Darum hatten wir dann keine Landwirtschaft mehr, derentwegen wir die Woche des Regionalprodukts hätten begehen können.

          Bülent Mumay

          Mit Amtsantritt der AKP-Regierung wurde 2002 der Satz, der uns im zarten Alter beigebracht worden war, vollständig getilgt. Erdogan erklärte den Bausektor zur dominanten Industrie, und die Landwirtschaft brach komplett zusammen. Einst hatten wir uns damit gebrüstet, eine Kornkammer zu sein, heute sind wir ein Land, das Weizen importiert. Selbst Stroh, ein Produkt mit extrem niedrigem Mehrwert, führen wir mittlerweile ein. Vor einigen Monaten fiel dann noch die Zwiebelernte unzureichend aus, die Preise schossen schneller in die Höhe als der Dollar. Um sie unter Kontrolle zu halten, ließ die Regierung Razzien in Zwiebellagern durchführen.

          Die Zollabgaben auf null gesetzt

          Als das nichts fruchtete, wurden Zwiebeln importiert. Wie erniedrigend das ist, will ich anhand von Beispielen aus unserer Kultur erläutern. Die Zwiebel steht in der Türkei für Armut. Um zu zeigen, unter welch schwierigen Umständen man lebt, sagt man: „Wir essen nur Brot und Zwiebeln.“ Die Sprache zeigt, dass die Zwiebel als Geringste unter den Gemüsesorten gilt. „Der Held ist jetzt auf Zwiebeln angewiesen“, heißt es in einem alten Volkslied, um zu beschreiben, wie hart sein Leben ist.

          Als ein Land, das sich früher selbst ernähren konnte, sind wir heute nicht allein auf Zwiebeln angewiesen. Als die Wirtschaft schwächelte, rief Erdogan dazu auf, keine Importwaren mehr zu kaufen. Die Preise für Obst und Gemüse brachen Rekorde, um weiter importieren zu können, musste er die Zollabgaben auf null setzen. Denn rund zwei Monate vor den Kommunalwahlen fürchtet er, die Teuerung der Lebenshaltungskosten könnte sich auf das Wählerverhalten niederschlagen. Er öffnet die Tore für den Import, um die Preise zu senken, denn er will bei den Wahlen nicht die Kommunen verlieren, die von den Renditen im Bausektor profitieren.

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