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Brief aus Istanbul : Der älteste Wähler ist hundertfünfundsechzig

  • -Aktualisiert am

Von überallher Meldungen über Unregelmäßigkeiten

Natürlich weiß nicht nur Erdogan, dass die Wirtschaft die empfindlichste Stelle der Regierung ist. Wer Druck auf die Türkei ausüben will, fängt an, Ankara in Sachen Wirtschaft zu bedrängen. Als Erdogan verkündete, gegen die Kurden, den engsten Verbündeten der Vereinigten Staaten in Nordsyrien, vorzugehen, warnte Präsident Trump ihn auf Twitter, wenn Erdogan die Kurden angreife, würde er die Türkei in wirtschaftlicher Hinsicht kaputtmachen. Was war als Reaktion auf diese Drohung, die selbst Trumps gewohnten Stil in den Schatten stellte, zu erwarten? Natürlich Gebrüll von Erdogan. Wir erwarteten, dass nun eines der harschen Statements mit „Ey“ käme. Wie die vorangegangenen, mit „Ey, Merkel“ oder „Ey, Netanjahu“ eingeleiteten Tiraden. Doch als Erdogan sah, dass bereits der Tweet von Trump die Märkte erschütterte, musste er kürzertreten. Zuerst schrieb er in einem Artikel für die „New York Times“, er sei zu jeder Unterstützung der Vereinigten Staaten in Syrien bereit. Dann reagierte er sentimental auf Trumps Drohung, die Wirtschaft kaputtzumachen: „Die Äußerungen von Herrn Trump in den sozialen Medien haben mich und meine Freunde sehr betrübt.“

Im Vorfeld der Kommunalwahlen vom 31. März ist Erdogan daran gelegen, das Krisenszenario abzuändern, deshalb verteilte er billige Kredite über staatliche Banken und senkte die Preise für Strom und Erdgas. Doch es scheint wenig wahrscheinlich, dass diese Schritte Stimmenschwund bei der AKP verhindern könnten. Offenbar hat jemand die Gefahr bemerkt, denn von überallher kommen Meldungen über Unregelmäßigkeiten im Wahlregister. Da tauchen im offiziellen Register vor Jahren verstorbene Personen als Wähler auf, die heute sehr alt wären. Auf der Wählerliste vom Hohen Wahlrat stehen insgesamt 6389 Wähler im Alter zwischen hundert und 165 Jahren!

In puncto Wahlsicherheit weltweit führend

Die Rede ist hier nicht von den japanischen Okinawa-Inseln, wo die Menschen besonders alt werden. Es geht um die Wahllisten der Türkei, in der die durchschnittliche Lebenserwartung bei fünfundsiebzig Jahren liegt. Dem Register zufolge ist auch die Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter in manchen Häusern weit höher als etwa in China. Im osttürkischen Hakkari sind in einer einzigen Wohnung 1108 Wähler registriert. Im nicht vorhandenen fünften Stockwerk eines viergeschossigen Wohnhauses in Istanbul sind dreiundvierzig Wähler gemeldet. In einem Landkreis von Izmir wurden etliche tausend Soldaten, die dort kurzzeitig zur Ausbildung waren, als Wähler eingetragen. In einer Polizeiunterkunft mit achtunddreißig Zimmern stehen 374 Wähler auf der Liste.

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„Die Türkei ist in puncto Wahlsicherheit eines der weltweit führenden Länder“, beteuert Innenminister Soylu. Was tat er nun angesichts solcher Unregelmäßigkeiten? Er setzte einen oppositionellen Bürgermeister ab, der dagegen protestiert hatte, dass in einer einzigen Nacht mehrere zehntausend Syrer als Wähler eingetragen wurden!

Nicht nackt unter die Dusche

Dieselben, die die Augen vor den Betrügereien zur Verhinderung von Stimmeneinbußen verschließen, schrecken auch nicht davor zurück, Drohungen gegen die eigene Wählerschaft auszusprechen. Der AKP-Parlamentarier Abdulahat Arvas malte aus, was geschehen könnte, falls seine Partei die Wahl verlieren sollte: „Wenn wir nicht gewinnen, tauchen in den Städten abermals bewaffnete Banden auf. Wenn wir nicht gewinnen, können Frauen mit Kopftuch nicht mehr auf die Straße gehen.“ Der AKP-Bürgermeister Fatih Güven schäumte: „Sie werden uns pfählen, wenn wir unter 52 Prozent fallen.“

Selbstverständlich wissen beide, dass all das nicht geschehen wird. Sie versuchen nur, möglicherweise abtrünnige Stimmen zu konsolidieren, um ihrer Lokalverwaltungen nicht verlustig zu gehen. „Wenn wir gehen, werdet ihr böse enden“, lautet das Schreckensszenario, das sie jenen Wählern an die Wand malen, die der AKP diesmal nicht ihre Stimme geben wollen, sei es wegen der Wirtschaftskrise, sei es aufgrund der Regierungspolitik.

Der Präsidentenpalast spielt indessen abermals die Religionskarte. Die Akademien hat man leergefegt, jetzt kommen sogar technische Universitäten unter theologische Leitung. Nihat Hatipoglu, ein Theologe mit höchsten Einschaltquoten, der mit seinen religiösen Plaudereien Millionen verdient, wurde als Rektor einer Universität für Wissenschaft und Technologie eingesetzt. In seiner Fernsehsendung erklärte er, man dürfe sich nicht nackt unter die Dusche stellen, und Ehepartner sollten, wenn sie sich „nahekommen“, nicht unbekleidet sein, sondern bedeckt. Ein solcher Mann soll nun jungen Leuten Wissenschaft nahebringen. Sie sehen, in die Ära Industrie 4.0 ziehen wir mit Gebeten und dick eingemummelt.

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