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Brief aus Istanbul : Das Hass-Klima der neuen Türkei

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Das seit langem vorbereitete Hass-Klima wird durch organisch mit der Regierung verbundene Medien weiter aufgeheizt. Gegen irgendetwas zu sein wird als Verrat gewertet. Die Antwort auf die leiseste Kritik lautet: „Landesverrat!“ Laizisten, Aleviten, Homosexuelle, Linke, Liberale, kurz, alle, die der Regierung nicht passen, werden als „die Anderen“ stigmatisiert. In diesem Klima Ausländer zu sein verdoppelt den Hass. Werden deutsche Journalisten oder Aktivisten verhaftet, steht die Anklage schon fest: „Agenten!“ Jede Kritik aus dem Westen wird als „Unterstützung für den Terrorismus“ abgestempelt.

Wie gut, dass seine Akkreditierung aufgehoben wurde

Mittlerweile braucht man nicht mal mehr einen Kommentar oder einen Hintergrundbericht zu schreiben, für den Verratsvorwurf reicht es, als ausländischer Journalist den Oppositionsführer interviewt zu haben. Der deutsche Journalist Frank Nordhausen, dem Ankara vor ein paar Monaten die Akkreditierung strich, wurde wegen des Interviews, das er mit dem Vorsitzenden der größten Oppositionspartei Kemal Kilicdaroglu für das Magazin „Focus“ geführt hatte, regelrecht zum Teufel erklärt. Eine Zeitung im Besitz des Unternehmers Ethem Sancak, der zum Vorstand von Erdogans Partei gehört, nannte Nordhausen auf Seite eins: „Frankestayn!“

Der dazugehörige Text wirkt wie eine Anklageschrift: „Nordhausen, der mit seinem Interview mit CHP-Chef Kilicdaroglu für Wirbel sorgte, füllt die von ,Welt‘-Agent Deniz Yücel hinterlassene Lücke.“ Dem Bericht zufolge habe Nordhausen Behauptungen unterstützt, nach denen bei Militär und Polizei gefoltert werde, und die „Fetö-Leute“ verteidigt, die als Hauptverantwortliche für den Putsch vor Gericht stehen. Lassen Sie mich nur eines sagen: Wie gut, dass seine Akkreditierung schon vor Monaten aufgehoben wurde, sonst säße Nordhausen heute vermutlich wie rund 160 seiner Kollegen hinter Gittern.

Hat da jemand etwas von „unverschämt“ gesagt?

Die Medien des Hass-Klimas lassen Sie auch nicht in Ruhe, wenn Sie sich vom aktiven Journalistendasein verabschiedet haben. In der Türkei Urlaub zu machen, kann zur Anschuldigung werden. Seltsam, nicht wahr? Lassen Sie es mich erläutern: Der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann verbrachte, wie seit rund zehn Jahren schon, auch in diesem Jahr seinen Sommerurlaub in der Türkei. Als Diekmann auf Twitter Fotos aus Bodrum postete, bekam die regierungstreue Presse mit, dass er sich in der Türkei aufhielt. Am nächsten Tag standen die Schlagzeilen der Propagandabulletins: „Seine Zeitung behauptet, in der Türkei gibt es keine Sicherheit, aber er macht Urlaub in der Türkei.“

Jene, die es übelgenommen hatten, dass „Bild“ Erdogan auf der Titelseite kritisiert hatte, glaubten, Diekmann sei noch auf dem Posten, den er bereits vor knapp einem Jahr verlassen hatte, und verurteilten sein Urlaub an unseren Küsten als „Unverschämtheit“. Auch Erdogan schwieg nicht zu Diekmanns Besuch in unserem Land: „Unter den Medienunternehmen in Europa gibt es welche, die negative Kampagnen gegen die Türkei führen. Doch sie selbst verbringen ihren Urlaub in unserem Land. Das beweist, dass sie ihre eigenen Lügen selbst nicht glauben.“ Ganz im Gegensatz zu diesen Unterstellungen hatte Diekmann allerdings ein paar Wochen zuvor in einem Interview in der Reisebeilage dieser Zeitung den Deutschen empfohlen, Urlaub in der Türkei zu machen.

Bülent Mumay

Es wird Sie verwirren, aber ein Detail muss ich noch notieren: Da sind doch diese Zeitungen, die beinahe wöchentlich in Reaktion auf Berlin Nazi-Überschriften bemühen und in Schlagzeilen Frank Nordhausen als „Frankestayn“, Kai Diekmann als „unverschämt“ bezeichnen. Ihr Besitzer, Ethem Sancak, hat sein Vermögen vervielfacht in der Regierungszeit Erdogans, den er nach eigener Aussage umso mehr liebe, je öfter er ihn sehe. Vor dem Referendum hatte Sancak gesagt: „Wenn ein Ja dabei herauskommt, ist unser Weg frei wie eine Autobahn“. Nun hat er es auf Ausschreibungen von Projekten für die türkische Armee abgesehen. Er will unbedingt den Zuschlag für das Panzer-Projekt von rund zehn Milliarden Euro bekommen. Wollen Sie wissen, wer sein Partner ist? Der Industriegigant Rheinmetall aus dem „Verräter-, Separatisten-, Terrorunterstützer-, „Nazi-Deutschland“. Hat da jemand etwas von „unverschämt“ gesagt?

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