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Brief aus Istanbul : Ankaras Angst vor den Gelbwesten

  • -Aktualisiert am

Rettungsarbeiten nach dem Zugunglück bei Pamukova im Sommer 2004 Bild: Picture-Alliance

Die türkische Eisenbahn ist marode. Zugunfälle häufen sich. Ein Ausweg aus der Wirtschaftskrise ist nicht in Sicht. Erdogan droht bloß, wie immer, den Kritikern.

          Zu den Erfolgen, auf die der Kemalismus, die Gründerideologie der modernen Türkei, besonders stolz ist, gehört der Aufbau eines funktionierenden Verkehrssystems auf den von den Osmanen übernommenen Ruinen. Dieser Stolz schlug sich auch im Text des Marsches nieder, der zur Zehn-Jahres-Feier der 1923 gegründeten Republik komponiert wurde. Im ersten Vers heißt es dort: „In zehn Jahren gingen wir aus jedem Kampf mit freier Stirn hervor ...“ Der letzte Vers birgt ein Loblied auf die Eisenbahn: „Von allen vier Enden her überzogen wir das Mutterland mit Eisennetzen ...“

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Der Stolz war nicht unberechtigt. Auf dem Territorium der Türkei war aus osmanischer Zeit ein Schienennetz von 4000 Kilometern vorhanden, das von ausländischen Unternehmen betrieben wurde. In der Ära Atatürk wurde das Netz zum einen nationalisiert, zum anderen in nur zehn Jahren um rund 3000 Kilometer erweitert. Für ein Land praktisch ohne Industrie in modernem Sinne, das zudem die Schulden der Osmanen abzahlte, war das ein außerordentlicher Erfolg.

          Nach Atatürk hat die Türkei für lange Zeit nicht mehr nennenswert in ihre Eisenbahn investiert. Auch unter dem Einfluss der Automobilindustrie gewann der Ausbau des Straßennetzes Priorität. Den Grund für diese Haltung brachte Premier Turgut Özal auf den Punkt, der in den achtziger Jahren die liberale Marktwirtschaft in der Türkei einführte. Als Journalisten ihn bei der Besichtigung einer im Bau befindlichen Autobahn fragten, warum es keine Investitionen in das Schienennetz gebe, antwortete er: „Eisenbahn ist eine Sache der Kommunisten, wie auch Sie welche sind!“

          Bülent Mumay

          Nach seinem Machtantritt im Jahr 2002 wollte auch Erdogan eine Spur hinterlassen, wie sie im Marsch zum zehnten Jahrestag überliefert ist. Er war keineswegs Kommunist, plante aber sowohl das Schienen- wie das Straßennetz zu erweitern. Zum Verkehrsminister machte er Binali Yildirim, einen Beamten aus der Kommunalverwaltung. Noch bevor der erste neue Schienenkilometer verlegt war, begann er 2004 vom „beschleunigten Zug“ zu träumen. Das Projekt hieß nicht „Schnellzug“, sondern „beschleunigter Zug“. Nicht ohne Grund. Weder die Infrastruktur noch die Züge, die sie benutzen sollten, waren verbessert worden. Man hatte lediglich kleinere Manipulationen an vorhandenen Zügen vorgenommen und die Geschwindigkeit erhöht.

          Verkehrsminister Yildirim gab dann den Anpfiff zur ersten Fahrt zwischen Ankara und Istanbul. Mit Schaffnermütze auf dem Kopf stand auf dem Bahnsteig niemand anderer als Erdogan und gab dem Lokführer grünes Licht. Diese Eile führte zur ersten Katastrophe, die die AKP der Türkei bescherte. Bei Pamukova in der Nähe von Istanbul sprang der beschleunigte Zug wegen zu hoher Geschwindigkeit aus dem Gleis. 41 Menschen fielen dem beschleunigten Zug zum Opfer. Die Antwort auf die Frage, wer die Rechnung für die Katastrophe bezahlte, ist kurz. Die Initiatoren des Projekts mussten selbstverständlich nicht vor Gericht. Als hätten sie von sich aus den Zug beschleunigt, wurden zwei Lokführer zu geringen, sogleich in Geldstrafen umgewandelte Haftstrafen verurteilt. Für die vielen Toten wurde niemand zur Verantwortung gezogen.

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