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Brief aus Istanbul : Sexistisch, homophob, antisemitisch

  • -Aktualisiert am

Monate zuvor hatte „Akit“ ein rot durchgestrichenes Foto des Politologen gedruckt: Spurensicherung nach Explosion der Autobombe, die Ahmet Taner Kislali im Oktober 1999 getötet hat. Bild: Picture-Alliance

Wen sie anprangert, der wird leicht zum Anschlagsziel: Die Zeitung „Akit“ verbreitet Hassnachrichten in der Türkei. Trotzdem schaltet ein deutscher Automobilgigant hier Werbung.

          Es gibt niemanden, der nicht wüsste, unter welch schwierigen Bedingungen Journalisten in der Türkei mittlerweile arbeiten oder auch eben nicht arbeiten können. Erdogan mag noch so sehr behaupten, in keinem anderen Land seien „die Medien so frei wie in der Türkei“, tatsächlich wird der Lebensraum für Journalisten hier täglich enger. Um Ärger zu bekommen, müssen Sie gar kein Regierungskritiker sein oder über Korruption berichten. Derlei „journalistische Sünden“ werden ohnehin mit Haft oder hohen Entschädigungsstrafen belohnt. Inzwischen reicht ein Nachrichtentweet, um einen Journalisten hinter Gitter zu bringen.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Zuletzt wurde der Online-Chef der Zeitung „Cumhuriyet“, Oguz Güven, für einen Nachrichtentweet, der nur 55 Sekunden lang online war, mit drei Jahren Gefängnis bestraft. Dem Gericht zufolge hatte Güven mit seinem Tweet sowohl die Gülen-Terrororganisation Fetö, die hinter dem Putsch stecken soll, wie auch die Terrororganisation PKK unterstützt.

          Unser Rechtssystem geriert sich gegen Journalisten, vor allem gegen die regierungskritischen, als Falke. Allerdings gibt es eine Zeitung, die von der türkischen Justiz nicht belangt werden kann, ihre Vertreter sind stete Begleiter Erdogans auf seinen Flügen. „Akit“, bekannt für ihre islamistisch-extreme Linie, agiert uneingeschränkt als Bastion der Hasssprache in der Türkei. Sie feuert auf alle, die nicht wie sie selbst beziehungsweise nicht „muslimisch und türkisch“ genug sind, Juden, Christen, Armenier, Homosexuelle, Kurden, Kemalisten. Und die Gerichte, die Tweets mit Haft bestrafen, lassen „Akit“ alles durchgehen.

          Für Antisemiten ein klarer Fall

          „Akit“ erschien, wie zahlreiche türkische Zeitungen, auch in Deutschland – bis das Blatt 2005 verboten wurde. Um Prozessen zu entgehen, die Geschädigte in der Türkei gegen sie eröffnen könnten, nahm die Zeitung immer wieder kleine Namensänderungen vor, seinerzeit erschien sie unter dem Namen „Vakit“. Der damalige Innenminister Schily verkündete, die Deutschland-Ausgabe wegen antisemitischer Artikel zu unterbinden, auch unter anderem Namen dürfe sie nicht mehr erscheinen.

          Bülent Mumay

          Mehrfach brachte „Akit“ Merkel mit Hitler-Bart auf der Titelseite, nicht in Deutschland, aber in der Türkei versprüht sie weiter ihre Hasstiraden. Das Firmenschild wird leicht modifiziert, doch mit demselben Stab und derselben Publikationspolitik vergiftet sie weiter die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben. Dem Bericht „Hassdiskurs und diskriminierende Sprache in den Medien“ der im Namen des ermordeten armenischen Journalisten gegründeten Hrant-Dink-Stiftung zufolge führt „Akit“ stets die Liste der Zeitungen mit sexistischen, homophoben und von Hass geprägten Nachrichten gegen ethnische und religiöse Identitäten an.

          Werfen wir einen Blick auf das Register der Hassnachrichten dieser Zeitung: 2014 ereignete sich in der Türkei eines der größten Grubenunglücke in der Geschichte. In einer Kohlemine in der Kleinstadt Soma brach ein Feuer aus, 301 Arbeiter kamen auf entsetzliche Weise ums Leben. Die Ursache war ganz offensichtlich Schlamperei. Die Regierung verwahrte sich gegen den Vorwurf, nicht ausreichend kontrolliert zu haben, und Erdogan erklärte, Grubenunglücke kämen eben vor: „Solche Dinge sind normal, das liegt in der Natur der Sache.“ Bei „Akit“ gab es zur Brandursache folgende Schlagzeile: „Der Schwager des Grubenbesitzers ist Jude!“ Die Zeitung behauptete, „von Juden gelenkte westliche Medien benutzen die Katastrophe von Soma, um Premier und Regierung zu attackieren“.

          Von „Akit“ angeprangert, dann Anschlagsziel

          Antisemitismus zeigte sich nicht nur in den Schlagzeilen und Nachrichten von „Akit“. 2014, nach einem israelischen Angriff auf Palästina, verwendete die Zeitung ein Hitler-Bild für ein ganzseitiges Rätsel, erschreckend war das Lösungswort: „Wir vermissen dich.“ Das Blatt erwarb sich zudem schlimmen Ruhm darin, Gegner islamistischer Politik und jene, die die Türkei davor bewahren wollen, auf eine religiöse Autokratie zuzusteuern, zur Zielscheibe zu machen. Unser erstes Beispiel stammt bereits von 1995. „Akit“ setzte Ali Günday auf die Titelseite, den Vorsitzenden der Anwaltskammer Gümüshane in der Nordosttürkei, der eine Anwältin mit Kopftuch aus dem Verband ausgeschlossen hatte. Wenige Tage nach der Meldung wurde Günday in seiner Kanzlei erschossen.

          1999 druckte die Zeitung ein Foto des kemalistischen Politologen Ahmet Taner Kislali, mit einem roten Kreuz ausgestrichen. Die Überschrift dazu: „Buh dem abgebrühten Tyrannen“, „Der tyrannische Kemalist ist übergeschnappt“. Einige Monate darauf wurde Kislali Opfer eines Sprengsatzes in seinem Wagen vor dem Haus.

          Die Zeitung schreckte nicht einmal davor zurück, Gerichte aufs Korn zu nehmen. Als der Staatsrat das Kopftuchverbot für Schulleiterinnen an Grundschulen bestätigte, brachte „Akit“ die Fotos der verantwortlichen Richter auf Seite eins. Der Titel machte sie zur Zielscheibe: „Das sind die Jury-Mitglieder.“ Wenige Monate später wurde ein bewaffneter Überfall auf den Staatsrat verübt. Einer der verantwortlichen Richter wurde getötet, vier weitere schwer verletzt. Nicht nur bedeutende Persönlichkeiten stehen im Fadenkreuz der Zeitung. Selbst ein Lehrer, der beim Picknick mit der Familie Alkohol trank, wurde bei „Akit“ zum Hassziel: „Sittenlosigkeit am Gymnasium“ lautete die Schlagzeile. Auch für die Wissenschaftler, die den Aufruf für den Frieden unterzeichnet hatten und daraufhin massiven Repressionen ausgesetzt waren, gab es keinen Schutz vor dem Hass: „Diplomierte Schurken und Perverse! Feuert sie!“

          Warum der Chefkolumnist der Sittenwächter-Zeitung hinter Gittern saß

          Am Schluss von Nachrichten dieser Art erteilen die „Akit“-Schreiber gern auch der Regierung subtile Weisungen. Und diese bleibt daraufhin nicht untätig. Auf zwei Hass-Schlagzeilen hin erließ sie kürzlich Verbote. Das erste reichte bis nach Deutschland: Die mit Unterstützung der deutschen Botschaft veranstalteten LGBTI-Filmtage in der Türkei bedachte „Akit“ mit der Schlagzeile: „Deutsche Botschaft unterstützt die Perversen“. In dem Bericht hieß es: „Bei der zweitägigen Schande sollen vier Filme gezeigt werden, die Perversitäten legitimieren.“ Am Tag darauf verbot das Gouverneursamt, das die Veranstaltung zunächst genehmigt hatte, das Festival mit Hinweis auf die „öffentliche Sicherheit“.

          Für Straftaten, die ein Journalist außerberuflich begeht, ist selbstverständlich nicht die Einrichtung verantwortlich, für die er tätig ist. Doch wissen Sie, warum Hüseyin Üzmez, Chefkolumnist der Sittenwächter-Zeitung, die Homosexuelle hasst, keine Fotos von Frauen auf der ersten Seite bringt und selbst nackte Arme verpixelt, hinter Gittern saß? Der Dreiundachtzigjährige wurde wegen sexueller Belästigung einer Vierzehnjährigen zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. Als Gymnasiast hatte Üzmez wegen eines Attentatsversuchs bereits 1952 hinter Gittern gesessen, später also wegen eines sexuellen Übergriffs. Noch vor Ende seiner Haftzeit verstarb er im Gefängnis.

          Und mittendrin Mercedes

          In der Zeitung, deren Register von gestern bis heute ich gerafft dargestellt habe, stand kürzlich eine interessante Anzeige. Ganz anders als die Anzeigen, die islamische Finanzinstitute und Firmen, die Moscheeteppiche oder Gebetsketten verkaufen, sonst in dieser Zeitung aufgeben. Im Fokus stand das große Foto einer brandneuen silbernen Luxuslimousine. Der Werbeslogan für das neue Modell lautet: „Masterpiece of Intelligence“.

          Was meinen Sie, wer hatte diese Anzeige in der Zeitung, die „die Anderen“ hasst, die alle Andersdenkenden als Feinde betrachtet und die deshalb seit zwölf Jahren in Deutschland verboten ist, wohl aufgegeben? Mercedes. Der deutsche Automobilgigant ging weiter als jene, die Parolen für die Pressefreiheit in der Türkei rufen und über finanziell bedrängte Zeitungen und ihre Mitarbeiter dürre Reden schwingen. Mercedes gab dem Hassbulletin, das tagtäglich einen von uns zum Terroristen erklärt, Reklame. Was soll man dazu sagen, das war tatsächlich ein „Meisterwerk der Intelligenz“.

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