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Brexitgegner John le Carré : Der Schriftsteller auf den Barrikaden

  • -Aktualisiert am

Die Zerrissenheit zwischen altmodischem Patriotismus und Ressentiment liefert ihm Stoff für seine Romane: John le Carré Bild: dpa

John le Carré hat stets betont, dass seine Ansichten nicht mit denen seiner Figuren zu verwechseln seien. Jetzt zeigt sich, worauf sein jüngster Roman anspielt.

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          Unter den Hunderttausenden, die am Samstag vor dem britischen Parlament für ein zweites Referendum demonstrierten, war auch der Schriftsteller John le Carré, etwas gebrechlicher geworden und am Stock gehend, aber ungebeugt trotz seiner 88 Jahre. An seiner Brust prangte eine Plakette mit der Aufschrift, „Bollocks to Brexit“, die jene, die für die „Befreiung Britanniens von den Fesseln Europas“ kämpfen, in Rage bringt.

          Mit seiner karierten Tweedjacke über einem blassrosa Hemd wirkte le Carré wie der Inbegriff eines Angehörigen der englischen Elite, auf die er im Zusammenhang mit dem Brexit auch in seinem jüngsten, heute auf Deutsch erscheinenden Roman „Agent Running in the Field“ („Federball“) seinen Zorn richtet. In diesem Bild des Schriftstellers auf den Barrikaden kommt die Zerrissenheit zwischen altmodischem Patriotismus und Ressentiment zum Tragen, die ihm den Nährboden seiner Romane liefert. In „Federball“ trifft die aufsässige Tochter der Erzählfigur diesen Zwiespalt, wenn sie ihrem Vater, einem ausgebrannten Spion, vorwirft, „im Namen eines Landes, demgegenüber du große, ja riesige Vorbehalte hast“, andere zu überreden, ihr eigenes Land zu verraten.

          Das „beschissenste Chaos“

          Le Carré hat stets hervorgehoben, dass seine Ansichten nicht mit denen seiner Figuren zu verwechseln seien. Er sei ebenso wenig verantwortlich für sie wie für die Menschen in seinen Träumen. Diesmal wird er wohl nicht bestreiten, dass ihm die Figuren in „Federball“ aus der Seele sprechen, wenn sie den „blanken Irrsinn des Brexits“ als das „beschissenste Chaos“ bezeichnen oder wenn sie von einem „Land im freien Fall“ sprechen, das von einem Kabinett von zehntklassigen Politikern geführt werde und einen „verfluchten Narzissten von elitärem Eton-Absolventen“ ohne „eine einzige feste Überzeugung“ zum Außenminister habe – Boris Johnson hatte den spektakulären Sprung in die Downing Street noch nicht vollbracht, als das Manuskript abgeliefert wurde.

          In einem Gespräch mit dem irischen Schriftsteller John Banville bekannte le Carré dieser Tage, dass sich seine Verbundenheit zu England – er pflegt England als Synonym für das Vereinigte Königreich zu verwenden – in den letzten Jahren gelockert habe. Das geht so weit, dass er sich jetzt auf seine irische Großmutter bezieht, um einen irischen Pass zu beantragen, damit er weiterhin der europäische Bürger sein kann, als der er sich fühlt.

          In dem Streit um den Brexit werfen sich beide Seiten regelmäßig Verrat vor. Der Historiker David Starkey hat den Versuch der Remain-Kampagne, den EU-Austritt zu vereiteln, sogar dem Landesverrat gleichgesetzt. Briten wie le Carré, zumal jene, denen der Zweite Weltkrieg noch in den Knochen sitzt, denken eher, dass ihre Ideale durch den Austritt aus der Europäischen Union verraten worden sind. Widersprüchliche Loyalitäten stehen im Herzen aller Fiktionen von John le Carré. Jetzt greifen sie auch auf die Wirklichkeit über.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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