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Forschung nach dem Brexit : À bientôt, Oxford!

  • -Aktualisiert am

Gibt es bald ein zweites Oxford an der Seine? Bild: EPA

Der anstehende Brexit wird auch für die Forschung weitreichende Konsequenzen haben. Um weiter von europäischen Forschungsgeldern zu profitieren, erwägen britische Kultur- und Bildungseinrichtungen ihre Auswanderung.

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          Junge Männer aus ganz Europa, die sich im zwölften Jahrhundert um die großen Lehrmeister in Bologna, Paris und Oxford versammeln und sich auf Latein austauschen: Es ist nicht abwegig, in der Entstehung der mittelalterlichen Universität die kulturelle Saat für die europäische Idee zu sehen. Von der internationalen Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, die damals in der Nähe der Pariser Universität Logis und Hörsäle suchte, bezieht das Quartier Latin seinen Namen. Auf diese jahrhundertealte Tradition hofft Paris jetzt im Lichte jener Unsicherheit bauen zu können, der sich die britischen Hochschulen wegen des Brexit-Votums ausgesetzt sehen.

          Die Befürchtungen betreffen vor allem die Auswirkungen eines Austritts auf die Beschaffung von Forschungsgeldern, auf Universitätsgebühren für Ausländer, auf gemeinsame Projekte sowie auf die ungehinderte Mobilität der Menschen. Zweiunddreißigtausend nichtbritische EU-Bürger - darunter 5250 Deutsche - stellen siebzehn Prozent der Lehr- und Forschungskräfte an britischen Hochschulen. Für das kommende akademische Jahr sind die Bewerbungen um einen Studienplatz aus EU-Ländern bereits um sieben Prozent zurückgegangen.

          Noch bevor der Austrittsprozess überhaupt begonnen hat, werden auch auf anderen Gebieten vorbereitende Maßnahmen getroffen, wie die Entscheidung des seit 1985 in Oxfordshire beheimateten European Union Baroque Orchestra zeigt: Das Orchester wird seinen Sitz nach Antwerpen verlegen. Wie jetzt bekanntwurde, hat die Universität Paris Seine, ein Verband aus fünfzehn Hochschuleinrichtungen, bereits Gespräche mit der Universität Oxford über Pläne für eine Zweigniederlassung auf einem neuen internationalen Campus geführt. Als Organisation nach französischem Recht wäre der Satellit nach dem Austritt Britanniens aus der Union weiter berechtigt, Forschungsgelder aus den europäischen Kassen zu beziehen, heißt es. Die Universität Warwick soll ebenfalls erwägen, von diesem Schlupfloch Gebrauch zu machen.

          Im Hochschulsektor ist Frankreich freilich nicht das einzige europäische Land, das aus den britischen Ängsten Kapital zu schlagen versucht. Der Irische Forschungsrat hat unlängst mit einer doppelseitigen Anzeige im „Times Higher Education Supplement“ das offene und innovative Forschungsklima der Republik angepriesen. Auch Skandinavien und die Niederlande machen britischen Akademikern verlockende Angebote. Im Jahr 1167 erhielt die in den Anfängen stehende Universität Oxford Auftrieb, als Heinrich II. Studenten verbot, in Paris zu studieren. Jetzt richtet sich das Augenmerk von der Themse auf die Seine.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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