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Briten kehren zu Pfund zurück : 0,45359237

  • -Aktualisiert am

Die Brexit ist Anlass für die Briten, zum Pfund zurückzukehren. Bild: dpa

Immer schon haben sich die Briten gegen den Euro gewehrt. Doch gegen das europäische Dezimalsystem konnten auch sie sich nicht durchsetzen. Bis jetzt endlich der Brexit ihnen die Chance gibt, den Einschränkungen Brüssels zu entgehen.

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          Warum einfach, wenn es auch Englisch geht? Das hat sich mehr als ein Brite gefragt, als am 15. Februar 1971 die Währung auf das Dezimalsystem umgestellt wurde und ein englisches Pfund nicht länger unterteilt war in zwanzig Schillinge gleich sechzig Groat gleich 240 Pence oder auch 960 Farthing. Sondern sich ein Pfund fortan aus hundert Pence zusammensetzte – oder zu aller Schrecken aus hundert Pennies, die als neue Münzen winzig klein waren gegenüber dem bisherigen Wechselgeld in Medaillengröße. Schluss damals mit dem „Thruppenny“ und dem „Tanner“, den Drei-Pence- und den Sechs-Pence-Münzen. Schluss auch mit dem „Double-Bob“, dem Florin, der zwei Schillingen entsprach. Und Schluss mit den Half-Crowns, von denen sich acht zu einem Pfund addierten.

          Das hatte sich in einem Land, in dem das Dutzend der Maßstab aller Dinge ist, tausend Jahre lang bewährt. Und natürlich analysierten Engländer augenblicklich, welche Probleme sich fortan ergäben: Wollte etwa der Schneider, wie gewohnt, seine Arbeit nach Guineas abrechnen, also 21 Schilling, musste er jetzt ein Pfund und fünf Pence verlangen. Wohin sollte das führen? Absurderes war kaum vorstellbar, auch Komplizierteres nicht. Zwar wusste die Bank of England den Euro abzuwehren, doch das Dezimalsystem schlängelte sich wie ein Reptil in alle Nischen der Wirtschaft und hielt das Land im Würgegriff. Bis jetzt.

          Denn mit dem Brexit kam die Freiheit. Und prompt gab Brexit-Minister Lord Frost, der das Land Stück für Stück vom Joch der lange genug ertragenen Vorgaben aus Brüssel befreien möchte, dieser Tage die Parole aus, das Imperiale System zurück in die Läden zu holen: also das in sechzehn Unzen oder 256 Drams unterteilte Pfund – eine Einheit, die seit dem Jahr 2000 verboten war und zu Strafverfolgung führte, wenn ein Gemüsehändler eine Handvoll Äpfel als Pfund wog, statt sie nach Napoleons Rechenweise als 0,45359237 Kilogramm zu verkaufen. Auch soll nicht länger „conformité européenne“ den Eichstrich am Pint-Glas besiegeln, dort, wo die Menge des gezapften Biers vier Gills entspricht, sondern die königliche Krone.

          Damit hatte man von 1699 bis 2006 stets gut gelebt. „Wir haben die Möglichkeit“, wird Lord Frost zitiert, „Dinge zu ändern und damit den Erfolg von Unternehmern und Bürgern zu sichern.“ Und ergänzte: „Dies ist erst der Anfang.“ Denn schon will er eine Kommission einsetzen, der die Bürger ihre Wünsche auf Veränderungen im Alltag mitteilen sollen. Dazu könnte gehören, die alten Entfernungsangaben zu reaktivieren, sich nicht mit Zoll, Fuß und Yard zufriedenzugeben, sondern auch Pole, Chain und Furlong zu benutzen, also das Fünfeinhalb- bis Zweihundertzwanzigfache von 0,9144 Metern – Maßeinheiten, bei denen es einen in den Sinn kommen könnte, dass es sich bei John Cleese’ bizarrem Gezappel auf dem Weg zur Arbeit im Ministerium für alberne Gangarten keineswegs um akrobatische Übungen gehandelt hat, sondern um eine exakte Abmessung der Strecke. Andererseits: Zwölf Eier sind mehr als zehn. Da beißt kein Huhn den Faden ab.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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