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Kazuo Ishiguro und der Brexit : Lärm und Lieder

  • -Aktualisiert am

Kazuo Ishiguro 2013 auf dem BFI Filmfestival in London, wo die Verfilmung von „Never Let Me Go“ gezeigt wurde Bild: REX/Shutterstock

Der Schriftsteller Kazuo Ishiguro plädiert in einer Mischung aus Pragmatismus und Idealismus für ein zweites Referendum – nicht etwa mit dem Ziel, das erste rückgängig zu machen.

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          Vor vier Jahren hat sich Großbritannien bei den Olympischen Spielen in London als bezauberte Insel präsentiert. Danny Boyle wählte Shakespeares Worte über die „Insel voll Lärm, voll Tön und süßer Lieder, die ergötzen und niemandem Schaden tun“ als Leitmotiv für das Eröffnungsspektakel, das er ausrichtete. Dabei ging es ihm darum, „einen goldenen Faden der Bestimmung“ zu veranschaulichen. Mit Bestimmung meinte er, wie er damals erläuterte, das Streben nach „einer besseren Welt, einer Welt der wirklichen Freiheit und Gleichheit, einer Welt, die gebaut werden kann durch das Gedeihen der Industrie, durch die fürsorgende Nation, die den Wohlfahrtsstaat errichtet hat, durch die freudige Energie der populären Kultur, durch den Traum der universalen Kommunikation“.

          Einige zweifelten damals an diesem Versuch, die britische Identität zu definieren. Dennoch fühlte sich die Nation durch die Zelebrierung seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kultur, deren Werte Boyle insbesondere im staatlichen Gesundheitsdienst verkörpert sah, in ihrem Selbstgefühl bestätigt. Die Bestürzung über das Brexit-Votum resultiert aus dem Empfinden, dass ebendiese Werte in Frage gestellt und „eine ganze Anzahl von unangenehmen Geistern jetzt aus der Flasche gelassen worden sind“, wie es der Historiker Tom Holland formuliert. Holland spricht von Benommenheit, der Bestsellerautor Robert Harris von einem Gefühl der Ohnmacht, mit dem die sechzehn Millionen Briten, die gegen den Brexit votiert haben, am 24. Juni aufgewacht seien.

          Die humanen Werte der Insel

          Wo man auch hinhört, ruft der Ausgang des Referendums bei den Verlierern Gefühle von Ärger, Scham, Trauer, Schmerz, Betroffenheit hervor, als sei das Politische in Umkehrung der Parole aus den sechziger Jahren persönlich geworden. Boris Johnson mokiert sich über eine „Art von Hysterie, eine ansteckende Trauer“, die ihn an die Reaktionen auf den Tod von Diana erinnern, und ermahnt die emotionalen Gemüter, zur Besinnung zu kommen. Ihre Ängste seien der letzte psychologische Tremor des „Projekts Angst“, in dem Johnson den seit dem Vorlauf zum Irak-Krieg massivsten Versuch einer Regierung sieht, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

          Auch der Schriftsteller Kazuo Ishiguro äußert in der britischen „Financial Times“ seinen Zorn über den „myopischen“ Prozess. Im Unterschied zur selbstgerechten Entrüstung, wie sie etwa der Dramatiker David Hare zum Ausdruck bringt, plädiert Ishiguro jedoch in einer Mischung aus Pragmatismus und Idealismus für ein zweites Referendum nicht etwa mit dem Ziel, das erste rückgängig zu machen. Dafür sei es zu spät. Vielmehr geht es ihm darum, in einer Abstimmung über die, wie er meint, jetzt bestmögliche Lösung - „Brexit Light“ - herauszufinden, ob das gerechte, mitfühlende, anständige Großbritannien, das er als gebürtiger Japaner kenne und liebe, gegen den rassistischen Zug obsiege, der in der Brexit-Debatte sein hässliches Gesicht gezeigt habe. Ishiguro setzt auf die humanen Werte der Insel „voll Lärm, voll Tön und süßer Lieder“, in der zurzeit Schall und Wahn herrscht.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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