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„Brexit-Flugzeug“ : Frisch gestrichen

  • -Aktualisiert am

Mag keine grauen Flugzeuge: Boris Johnson am Flughafen von Cardiff Bild: dpa

Während Großbritannien unter den Folgen der Corona-Krise leidet, lässt Boris Johnson sein Dienstflugzeug für knapp eine Million Euro lackieren.

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          Im Gegensatz zu anderen Staats- und Regierungsoberhäuptern steht dem britischen Premierminister kein Dienstflugzeug zur Verfügung. Boris Johnson muss das Regierungsflugzeug mit der königlichen Familie, hochrangigen Ministern und der britischen Luftwaffe teilen, die bei Bedarf Zugriff hat für die Luftbetankung und den strategischen Transport. Der Premier klagte schon als Außenminister, dass das Flugzeug nie disponibel sei. Außerdem gefiel ihm die graue Lackierung nicht – er wünschte sich ein „Brexit-Flugzeug“. Sein Wunsch geht nun in Erfüllung: Die Maschine wird gerade neu lackiert, patriotisch blau, weiß und rot. Kostenpunkt umgerechnet eine knappe Million Euro.

          Die Nachricht löste Fassungslosigkeit aus, zumal sie an dem Tag bekannt wurde, nachdem der Nationalstürmer Marcus Rashford Heldenstatus gewann, indem er den Premierminister bewog, die Entscheidung rückgängig zu machen, die Versorgung von 1,3 Millionen bedürftigen Kindern mit kostenlosen Mahlzeiten einzustellen. Oppositionspolitiker erinnern an das Schicksal von Familien im ganzen Land, die um ihre Arbeitsplätze, ihre Gesundheit und die Ausbildung ihrer Kinder besorgt seien. Die Regierung konterte, das neue Design werde weltweit für das Vereinigte Königreich werben, ohne die wesentliche militärische Rolle des Flugzeuges zu beeinträchtigen. Außenminister Raab mahnte, die internationale Rolle Britanniens nicht zu unterschätzen. Und Kulturminister Oliver Dowden argumentierte, es sei Aufgabe der Regierung, die kreativen Industrien des Landes zu fördern. Der Neuanstrich sei Teil dieser Bemühungen.

          Die Kulturbranche kann das nicht nachvollziehen. Sie warnte dieser Tage vor einer Katastrophe, nachdem ein Bericht mehr als 400.000 Stellen in Gefahr sieht und Einnahmeeinbußen von mehr als achtzig Milliarden Euro prognostizierte. In einem Brief an den Finanz- und den Kulturminister wiesen Prominente auf die Nöte der Musik- und Sprechbühnen hin, die am Rande des Abgrunds stünden. Siebzig Prozent der Theater und Produktionsgesellschaften würde das Geld bis Jahresende ausgehen. Neiderfüllt blickt die Branche auf das Unterstützungsprogramm der deutschen Regierung. Das britische Kulturministerium hat eine Einsatzgruppe beauftragt, Pläne für die Erneuerung der Kulturbranche nach der Pandemie zu erstellen. Die Flugzeuglackierung wirkt in diesen Tagen wie ein frivoles Symbol einer aus dem Ruder geratenen Nation.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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