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„Breivik trifft Wilders“ : Sprechen statt morden

  • -Aktualisiert am

Theodor Holman polarisiert mit seinem Lesedrama „Breivik trifft Wilders“. Er fühle sich verwandt mit dem Mörder, bekannte der Kolumnist. Dennoch trifft er in den Niederlanden auf erstaunlich viel Verständnis.

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          „Ich fühle mich mit Breivik verwandt. Und dafür schäme ich mich nicht.“ Darf ein Schriftsteller so etwas sagen? Selbst wenn der Autor beteuert, die mörderische Konsequenz der islamkritischen Gedanken verkehrt zu finden? In den Niederlanden hat ein Interview mit dem Kolumnisten und Dramatiker Theodor Holman für Aufregung gesorgt, weil er sich nicht deutlich genug von den Thesen des Massenmörders von Oslo distanziert habe. In seinem Lesedrama „Breivik trifft Wilders“, das in Amsterdams Multikulturzentrum „De Balie“ Premiere hatte, thematisiert Holman die Geistesverwandtschaft der beiden Männer gegen Islam und Zuwanderung.

          Noch vor seinen blutigen Taten, so die Idee, macht sich der Norweger in einer VIP-Lounge eines Londoner Flughafens an den niederländischen Politiker heran, der gerade in Großbritannien seinen umstrittenen Film „Fitna“ über islamische Gewalt präsentiert hat. Und in der Tat kommt Wilders als Idol und Ideengeber in Breiviks umfangreichem Manifest gegen alles Linke, gegen Zuwanderer, gegen den Islam ausführlich vor.

          Darf man Breiviks Gedankengänge öffentlich machen?

          Holman, Kolumnist der Zeitung „Het Parool“ und enger Freund des ermordeten Islamkritikers Theo van Gogh, spielt die Weltbilder der beiden Männer fiktiv gegeneinander aus. Während Breivik sich zum Ritter des Abendlandes stilisiert und von seinem vermeintlichen Abwehrkampf schwärmt, zeigt ihm der Demokrat, den muslimische Todesdrohungen zu einem Leben unter Bewachung zwingen, am Ende die kalte Schulter. Wilders, so Holman, kämpft mit Diskursen und Ideen, während sein Anhänger längst die Grenze überschritten hat: Der Massenmord an jungen Sozialdemokraten sollte die Folge sein.

          An der Amsterdamer Debatte, ob man Breiviks Gedankengänge überhaupt öffentlich machen darf, ist vor allem die Offenheit auffällig, mit welcher über radikale Ablehnung des Islams und dessen zugewanderter Subkultur diskutiert werden kann. Unsere Nachbarn haben nach den Morden an van Gogh und Fortuyn die politische Korrektheit augenscheinlich neu definiert, während in Deutschland - siehe Sarrazin - solche Themen mit der Erregung der Verklemmten und gerne im gegenseitigen Gebrüll verhandelt werden.

          Zwar forderte man auch in Holland reflexhaft die Entlassung Holmans als Kolumnist, zwar rief eine linke Gruppe zum Eierwerfen auf. Doch ist schon erstaunlich, wie viel Verständnis Holman für sein Einfühlen in Breivik erntete. Der Tenor: Wenn wir dem noch so hasserfüllten Denken keinen Raum geben, entlädt sich die Wut irgendwann automatisch in Gewalt. Besser, die Feinde der Demokratie sprechen, als dass sie wortlos morden. Konsequenterweise lädt das Kulturzentrum, in dem Wilders und Breivik auf dem Papier diskutieren, auch islamische Hassprediger, für die Gewalt gegen Juden, Frauen, Schwule kein Problem darstellt, zum Gespräch ein.

          Breiviks Auftritt auf der Bühne wird übrigens nicht der letzte sein. Das Kopenhagener „Café Teatret“ will das Manifest dramatisieren, um, so Initiator Christian Lollike, „den politisch-ideologischen Standpunkt des Täters zu verstehen“. Immerhin: Was bei uns ein Fall für den Staatsanwalt wäre, dem geben die Dänen diskursiven Raum. Wohl auch, weil angesichts des islamischen Terrors nach den Mohammed-Karikaturen das friedliche Nebeneinander der Kulturen dort längst illusionsloser gesehen wird als anderswo.

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