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Bregenzer Festspiele : Wo die Drachenhunde der Dialektik knurren

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Für die „Zauberflöte“ hat Bühnenbildner Johan Engels drei Drachenhunde auf die Bühne auf dem Bodensee gebaut Bild: dpa

Bregenzer Doppelschlag: Auf dem See gibt es die „Zauberflöte“ als Spektakel für alle - im Saal die einzige Oper von André Tchaikowsky, als Uraufführung für Kenner.

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          Bellen können sie schon, beim Feuerspeien hapert es noch. Dennoch sind die Drachenhunde, die knapp dreißig Meter hoch vor dem Bodensee-Panorama Männchen machen, schon jetzt die Publikumslieblinge bei den Bregenzer Festspielen. Erdacht hat sie Bühnenbildner Johan Engels, und obwohl die drei grimmig-lustigen Viecher ohne magisches Scheinwerferlicht aussehen wie verunglückte Kreuzungen aus Dinosaurier und Kuh, ist die phantasievolle Ausgestaltung der Seebühne auch heuer wieder die eigentliche Attraktion beim wichtigsten Freiluft-Opernfestival im deutschsprachigen Raum.

          Das Feuerwerk märchenhaft-skurriler, auch mal kitschiger, doch immer poetischer Bilder, das Engels auf dieser Bühne mitten im Wasser abbrennt, ist Teil der Neuinszenierung von Mozarts „Zauberflöte“. Sie wird in diesem und im kommenden Sommer als Finale der Bregenzer Intendanz von David Pountney zu sehen sein. Pountney selbst führt Regie, und dass seine Wahl zum Abschied just auf die „Zauberflöte“ fiel, ist Politik und Wagnis zugleich. Politik: Weil kaum ein Werk besser geeignet scheint, die Messlatte für die Nachfolger hoch zu legen und sogar den Rekord von knapp 350.000 Besuchern zu übertreffen, die in den Jahren 2009 und 2010 zu Verdis „Aida“ nach Bregenz gekommen waren.

          Interpretatorische Fährten durch den Deutungsdschungel

          Nach dem spürbaren Einbruch bei Umberto Giordanos Revolutionsoper „Andrea Chénier“, die mit nur knapp 230.000 Zuschauern ein Loch ins Festspielbudget riss, war Pountney der Griff zum Allerpopulärsten nicht zuletzt von lokalen Geldgebern nahegelegt worden. Darin liegt jedoch zugleich auch das Wagnis: Wer zur „Zauberflöte“ greift, um finanziell gut dazustehen, muss schon einiges aufbieten, um auch künstlerisch ernst genommen zu werden. Ein Selbstläufer ist diese schönste, kindlichste und rätselhafteste aller Opern nämlich nie gewesen.

          Pountney verlässt sich denn auch nicht allein auf die Bilderpracht, die Engels ihm anbietet. Die Schnabelvogelpferde der drei Damen, offenkundig einer Tolkien-Verfilmung entlaufen, der drehbare Schildkrötenpanzer, der als zentrale Spielfläche dient, das aufblasbare Wald-Labyrinth, in dem sich alle irgendwann verlaufen, die aus einem schwarzblauen Riesenauge in Schinkel-Sternenhöhen emporwachsende Königin der Nacht und natürlich die munter grollenden, freilich durchaus zahmen Drachenhunde - all diese Fabeltier- und Fantasy-Assoziationen gehören gewissermaßen zur Folklore, die ein Regieteam an diesem Ort, bei diesem Stück einfach auffahren muss. Die Inszenierung legt zusätzlich aber auch noch ein paar interpretatorische Fährten durch den Deutungsdschungel von Mozarts Wunderwerk.

          Eine Annäherung: Ana Durlovski als Königin der Nacht, Rainer Trost als Tamino
          Eine Annäherung: Ana Durlovski als Königin der Nacht, Rainer Trost als Tamino : Bild: dpa

          Wie viele zeitgenössische Regisseure kann Pountney wenig anfangen mit dem Sendungsbewusstsein Sarastros (Alfred Reiter) und der Eingeweihten. Nicht den Chauvi-Sprüchen der mauernden Frauenfeinde gilt seine Sympathie, eher dem mütterlichen Prinzip der Königin der Nacht, die, phänomenal höhensicher, von Ana Durlovski gesungen wird. Die Sternflammende liegt schon während der Ouvertüre im Dauerclinch mit den Mächten des Lichts, und anders, als in Schikaneders Libretto vorgesehen, ist am Ende kein Sieg der selbsternannten Aufklärer abzusehen. Bei denen knurrt, Adorno sei Dank, ohnehin der Drachenhund der Dialektik im Souterrain: Um dem Guten drastisch nachzuhelfen, hält sich Sarastro eine Armee von Spiderman-Akrobaten, die kurzen Prozess mit den Weibern machen, und Monostatos (Martin Koch) lebt für Sarastro all jene dunkleren Triebe aus, die sein Meister sich salbungsvoll versagt. Ziemlich doppelzüngig!

          Zur Massentauglichkeit verdammt

          Man ist froh, dass Tamino (Norman Reinhardt) seiner dornröschenzarten Pamina (Gisela Sitte) schließlich hilft, ihre Familiengeschichte, all das mörderische Gewese um Machtsymbole und Initiationsriten, hinter sich zu lassen. Gemeinsam träumen sich die beiden fort in eine Welt des Friedens, in der auch der schräge Vogel Papageno (prächtig: Daniel Schmutzhard) und seine Papagena (Dénise Beck) ein Zuhause für ihre zahllosen Küken finden werden.

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