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BRD-Nostalgie : Die gute, gute alte D-Mark

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Nostalgisches Schwelgen in „besseren Zeiten“

Aber: Wie funktionieren BND, Verfassungsschutz und MAD? Warum ist es in Ordnung, wenn ein fremder Geheimdienst alle Daten aller Bürger absaugt? Warum muss der Berliner Chef des amerikanischen Geheimdiensts gehen – nur weil zwei CIA-Agenten in der Verwaltung aufgeflogen sind? Wer ist Freund, wer Feind und unter welchen Umständen? Bitte weitergehen. Es gibt nichts zu sehen.

Die Machtverschiebung hin zur Europäischen Union ließ viele Institutionen und Akteure der alten Bundesrepublik, die es gewohnt waren, sich als Sieger zu sehen, in der zweiten Reihe zurück. Die harten Rationalisierungsschübe durch Globalisierung und den Vorstoß internetbasierter Dienste trafen weite Teile der Mittelschicht und werden sie weiter erschüttern und sie erodieren lassen.

Kein Wunder, dass diese Gruppen sich gern an vermeintlich bessere Zeiten erinnern, D-Mark und Prä-Schengen-Grenzkontrollen wollen und eine Lebenswelt, in der die gewohnten Autoritäten den Ton angeben. In der Siegerpartei CDU finden diese Menschen nur noch vereinzelt Ansprechpartner. Wer sich die Frage stellte „Was würde Alfred Dregger tun?“, musste sich die Antwort in einer neuen politischen Heimat suchen.

Der Unterbau der Republik

Dass auch zentrale Institutionen der Republik nicht vor Bedeutungsnostalgie gefeit sind, zeigt, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht die ihm vorgelegte Beschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung nicht dem EuGH vorgelegt hat – und damit längst nicht die Wirkung erzielte wie das Vorabentscheidungsverfahren, das der österreichische Verfassungsgerichtshof dann in Luxemburg initiierte. Spätestens hier zeigt sich: Die dunkel im Hintergrund brummende BRD-Nostalgie schlägt auch auf höchster Ebene schnell in Trotz um – und wird dann gefährlich.

Bei alldem geht es nicht um eine gefühlige „nationale Identität“, die beim nächsten Länderspiel abgerufen werden kann; die BRD-Vergessenheit ist vielmehr der Hintergrund, vor dem die NSA ihre Überwachungskapazitäten auf Deutschland richtet. Die alten BRD-Handlungsmuster und die dazugehörigen Reflexe scheinen in einem Moment noch intakt zu sein, im nächsten setzen sie wieder aus. Wo ist die alte Bundesrepublik nur hin?

Nicht einmal die NSA wird sie finden. Sie ist tot, geht aber noch um, als irrlichternde Erscheinung. Sich das einzugestehen, anstatt die Unsicherheit mit Protzbegriffen wie „Berliner Republik“ zu übertönen, würde den Beginn eines neuen Realismus markieren. Die zweite Bundesrepublik ist nicht mehr so schweizerisch klein und gemütlich wie die erste, aber eine Großmacht, die ohne EU und andere Partner auskäme, wird sie auch nie werden. Daher ist jeder politische Versuch, sie wieder ins Leben zurückzurufen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Gefragt ist vielmehr der Blick in den Unterbau der Republik, Expeditionen zu den alten Maschinerien, die dort noch vor sich hinarbeiten, in bürokratischen Kerkern wie aus einem Fiebertraum von Piranesi. Doch ob das so schnell geschehen wird, ist fraglich. Für eine Bundesregierung, speziell für eine von Angela Merkel geführte, ist der aktuelle Zustand bequem, sie kann sich je nach Situation auf die gewohnte Position der Bonner Republik zurückziehen oder zur Berliner Mittelmacht aufplustern. Es fällt aber schwer, sich mit diesem vagen Staat zu identifizieren oder zumindest als Bürger seine Arbeitsweise und Ziele nachzuvollziehen. Um Deutschland wieder fassbar zu machen und es vor gefährlichen Illusionen zu bewahren, sollte man sich mit den Resten der ersten Bundesrepublik beschäftigen. Wir kannten sie kaum.

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