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Frauenquoten in der Forschung : Jetzt wird erst so richtig dekolonialisiert

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Zurück zum Korporatismus der frühen Neuzeit

Allerdings ist jetzt schon absehbar, dass diese Schlachten kaum noch zu gewinnen sind, weder in der akademischen Welt noch in der Politik allgemein. Und das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Deutschland. Die politische Linke und selbst viele vermeintliche Liberale haben vom Ideal einer demokratischen Republik mit einer einheitlichen Gemeinde von Staatsbürgern, die alle die gleichen Rechte haben, Abschied genommen. Ihr Ideal ist jetzt eher eine quasi korporativ verfasste Gesellschaft, in der jede einzelne Gruppe spezifische unanfechtbare Rechte hat, die sie nicht mehr im Wettbewerb mit anderen durch Leistung verteidigen muss. Jedenfalls soll die bloße Behauptung einer Benachteiligung schon ausreichen, um solche kompetitiven Mechanismen außer Kraft zu setzen.

In Deutschland sieht man das außerhalb der akademischen Welt daran, dass es mittlerweile Vorschläge für eine Reform des Wahlrechts gibt, die den Wählern vorschreiben will, wie viele Frauen sie ins Parlament zu wählen haben. Weitere Quoten, für ethnische Minderheiten etwa, würden sich dann zwanglos anschließen. Solche Vorschläge liegen auf dem Tisch, nicht nur im Bundesland Berlin, sondern auch im Bundestag, wo etwa die mögliche Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Unterstützung für solche Ideen signalisiert hat.

Wenn Quoten schon mit Blick auf das Wahlrecht diskutiert werden, so liegt es nahe, den Wissenschaftsbetrieb erst recht analogen Regeln zu unterwerfen, da hier auch weniger Widerstände zu befürchten sind. Nur, wie sieht eine Gesellschaft aus, in der Vorteile, Auszeichnungen und Kompensationen für wirkliche oder vermeintliche Benachteiligungen durchgehend nach Gruppenzugehörigkeit vergeben werden? Vielleicht ein wenig so wie Gesellschaften der frühen Neuzeit oder wie heute noch der konsequent tribalistisch, mit besonderen Rechten für jede einzelne korporativ verfasste religiöse Gruppe organisierte Libanon, der ja auch als Staat irgendwie funktioniert. Aber wünschen wir uns wirklich eine akademische Welt, die so aufgebaut ist wie der Libanon? Und was würde das für die Wettbewerbsfähigkeit des betroffenen Wissenschaftsstandortes bedeuten?

Doch vielleicht ist das ja auch so wichtig nicht, denn am Ende werden es wohl nur die Geisteswissenschaften sein, die sich das Motto der „Dekolonialisierung“ und Quotierung konsequent auf die Fahne schreiben, und nicht die Naturwissenschaften, und nur diese sind am Ende des Tages wirtschaftlich relevant. Das mag dann ein Trost sein, allerdings nicht, wenn man das Pech hat, ein männlicher Historiker zu sein; aber vermutlich nicht einmal für Historikerinnen, die einstweilen noch von solchen Maßnahmen zu profitieren hoffen, aber am Ende ebenfalls Opfer der ideologischen Selbstmarginalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften werden könnten, die sich in den Vereinigten Staaten bereits abzeichnet.

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