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Frauenquoten in der Forschung : Jetzt wird erst so richtig dekolonialisiert

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht zu viele Romane von Männern lesen

Fairerweise muss man hinzufügen, dass Alex Lichtenstein, der nun die AHR herausgibt, sich zwar dafür entschuldigt, dass bis vor rund dreißig Jahren fast nur weiße Männer in der AHR publiziert haben, und dies als große Sünde ansieht, gleichzeitig an den harten Qualitätsstandards der Zeitschrift festhalten will. Von Quoten für Frauen und Minderheiten ist also offiziell nicht die Rede, auch wenn der Druck zunehmen wird, ja wohl schon fühlbar ist, genau solche Quoten zu beachten. Wenn man den Beitrag von Birte Förster liest, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie genau solche Quoten – dann natürlich explizit auch für deutsche Zeitschriften – emphatisch begrüßen würde. Als Begründung dafür führt sie unter anderem an, dass in den Vereinigten Staaten unter den Autoren von belletristischer Literatur, soweit diese außerhalb von Fachzeitschriften rezensiert wird, sich immer noch zu 65 Prozent Männer befänden. Sollen jetzt wirklich auch noch die Leser und Leserinnen von Romanen verpflichtet werden, sich ihre Lektüre nach Gender-Quoten auszusuchen?

Was wissenschaftliche Zeitschriften betrifft, muss man vor einem Quotensystem nach Gesichtspunkten der politischen Korrektheit jedenfalls dringend warnen. Gibt es erst einmal eine Frauenquote für Beiträge, dann sind Quoten für andere gesellschaftliche Gruppen, etwa ethnische oder religiöse Minderheiten kaum noch zu vermeiden. Das zeigt die Diskussion in den Vereinigten Staaten sehr deutlich, an der nur seltsam ist, dass niemand dort daran denkt, auch eine Quote für Söhne oder Töchter von sozial benachteiligten weißen Industriearbeitern oder für Autoren zu fordern, die politisch eher die Republikaner unterstützen. Das steht natürlich nicht zur Debatte, obwohl es den Hochschulen in den Vereinigten Staaten sicher guttäte, wenn sie sich auch politisch ein wenig zur Vielfalt bekennen würden.

In der naturwissenschaftlichen Forschung wären verpflichtende Quotenregelungen besonders schwer anzuwenden.
In der naturwissenschaftlichen Forschung wären verpflichtende Quotenregelungen besonders schwer anzuwenden. : Bild: Picture-Alliance

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob der Autorenpool einer wissenschaftlichen Zeitschrift wirklich die Zusammensetzung der Bevölkerung, zwar offenbar nicht mit Blick auf die politische Orientierung, wohl aber in Hinsicht auf ethnische Merkmale oder das Geschlecht widerspiegeln muss, wie das zunehmend gefordert wird. Ist das überhaupt möglich? Und wohin würden wir dann in der naturwissenschaftlichen Forschung kommen, in der gerade in den Vereinigten Staaten Asiaten, meist freilich eher Männer, stark überrepräsentiert sind – und das wohl kaum, weil sie von einer positiven Diskriminierung profitieren? Eliteuniversitäten wie Harvard versuchen die Zahl asiatischer Studenten eher zu deckeln, damit auch noch für andere Platz bleibt. Es ist sicherlich berechtigt, dem Einfluss von unsichtbaren Netzwerken auf die Vergabe von Fördermitteln oder den Druck von Beiträgen in Zeitschriften durch geeignete Kontrollmechanismen entgegenzuwirken, wie die AHR das jetzt noch stärker als bisher versucht. Aber Quoten? Wer das fordert, der sollte kein Heuchler sein und offen sagen, dass Qualität ihm ganz so wichtig dann doch nicht ist.

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