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Entwicklungshilfe in Brasilien : „Es ist eine ungute Stille im Land“

Erst zogen Kinder aus der Favela zu ihr, dann zog sie dorthin: Ute Craemer kämpft erfolgreich dafür, die Lebensbedingungen in Monte Azul zu verbessern. Bild: Otávio Almeida

Seit 1975 lebt Ute Craemer in einem Armenviertel in São Paulo. Ihr Blick auf das Land hat sich während der langen Zeit verändert. Im Interview erklärt sie, was man von Brasilien lernen kann – kennt aber auch die anstehenden Aufgaben.

          4 Min.

          In Ihrem brasilianischen Tagebuch „Favela-Kinder“ notieren Sie am 2. August 1967, São Paulo sei „ein Irrenhaus“. Damals hatte die Stadt fünf Millionen, heute hat der Ballungsraum mehr als einundzwanzig Millionen Bewohner.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ein Irrenhaus ist São Paulo immer noch, aber ein interessantes. Was ich damals, bei meinem ersten Besuch, nicht wahrgenommen habe, war, dass es hier auch ein reiches kulturelles Leben gibt. Noch bis in die neunziger Jahre hinein war es Mitgliedern der gebildeten Oberschicht vorbehalten, aber seither hat sich viel geändert, immer mehr Menschen genießen Kultur in einer anderen Art.

          Wie darf man sich das vorstellen?

          Die afrobrasilianische und die nordamerikanische Kultur schieben sich immer stärker in den Vordergrund. Aber auch die Kunst der Indios wird stärker wahrgenommen. Das hängt auch damit zusammen, dass diese und die afrikanische Kultur per Gesetz im Schulunterricht verankert wurden. Aber in Wirklichkeit hinkt die Wahrnehmung der indigenen Kunst und Kultur doch immer noch hinterher. Denn das, was unterrichtet wird, ist sehr oberflächlich. Zudem ist die indigene Kultur leiser. Bei der afrobrasilianischen Kultur kennt man die ganze Geschichte, die Sklaverei. Vieles von dem, was die Indios mitbringen – angefangen bei den Grundnahrungsmitteln Maniok und Tapioka –, bringt keiner mit ihnen in Verbindung, da es praktisch die unbewusste Grundlage ganz Brasiliens ist.

          In den frühen siebziger Jahren schrieben Sie, Brasilien sei überhaupt keine Nation. Im populistischen Getöse der Gegenwart kann man sich das kaum vorstellen, oder täuscht der Eindruck?

          Natürlich hat sich mein Blick in dieser langen Zeit verändert und erweitert. Ich würde das heute nicht mehr so schreiben. Ich bin Mitglied einer Studiengruppe namens Pindorama. Das ist das alte Tupi-Wort für Brasilien – Land der Palmen. Das bedeutet nicht nur, dass es hier Hunderte Arten von Palmen gibt, das bedeutet vor allem, dass die Palme etwas viel Spirituelleres ist als nur ein einfacher Baum. Pindorama als Vorläufer des heutigen Brasiliens wurde im Lauf seiner Geschichte stark durch afrikanische und europäische Elemente angereichert, heute kommen starke Einflüsse aus Ostasien, aus Japan und aus Korea hinzu. Viele Brasilianer sagen deswegen, Brasilien habe keine Identität.

          Haben diese Stimmen recht?

          Ich würde die Frage so beantworten: Die verschiedenen Völker und Religionen sind gerade dabei, ein Volk zu bilden, das sehr interessant werden kann für die Zukunft des Planeten. Der Vorzug von Brasilien ist, dass Ausländer wie ich einfach hier leben können – als Mensch. Kein Mensch ist nämlich in Brasilien nur Afrobrasilianer, alle sind gemischt. Die Amerikaner sprechen gern vom Melting Pot, aber dort verschmilzt gar nicht so viel, sie leben viel getrennter als die Brasilianer. Die Aufgabe Brasiliens ist es, der Staatengemeinschaft zu zeigen, dass verschiedenste Menschen fruchtbar zusammenleben können. Aber der Gedanke verliert derzeit leider an Zustimmung.

          Woran liegt es, dass die Gesellschaft nicht vorankommt – außer an Kriminalität und Korruption?

          Die großen Unterschiede von Arm und Reich trennen die Menschen immer weiter, gerade auch in der Bildung: Wer Geld hat, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Warum? Weil sie besser ist. Wer auf eine öffentliche Schule geht und dort schlechter in Portugiesisch und Mathematik ausgebildet wird, keine Allgemeinbildung bekommt, nicht einmal das Denken lernt und trotzdem weiterkommen will, der muss entweder ein Genie sein oder andere Wege der Weiterbildung finden, etwa im Internet oder über NGOs. Wer als Armer eine schlechte Ausbildung hatte, muss tagsüber arbeiten, um sich abends eine private Universität leisten zu können. Die sind aber leider teuer und schlecht. Ich halte das für eine tragische Verschwendung von Talent und Potential, sowohl für den Einzelnen als auch für das Land.

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