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Hambacher Forst : Drei Zimmer, Küche, Wipfel

Eine Aktivistin im Baumhausdorf „Oaktown“ im Hambacher Forst Bild: dpa

Friede den Hütten, Krieg den Palästen: Ausgerechnet die Brandschutzverordnung bringt die besser ausgestatteten Baumhäuser im Hambacher Forst ins Wanken.

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          Man kann es nur wieder und wieder sagen, man kann es sich selbst und seinen Kindern und Kindeskindern nicht deutlich genug hinter die Ohren schreiben: Es gibt kein Leben jenseits der Jurisprudenz. In dem Begriff steckt nicht umsonst die Klugheit drin. Natürlich gibt es juristisch beschlagene Hohlköpfe noch und nöcher, aber umgekehrt ist ein kluger Mensch, dem jede rechtliche Mentalität abginge, schlechterdings nicht vorstellbar. Wie gesundes Essen und Trinken und andere Körpertechniken einer Systemlogik folgen, die sich zu guten Teilen erlernen lässt, ähnlich essentiell ist, dass man über eine Vorstellung von der juristischen Systemlogik verfügt, weil man andernfalls zu einem rollenvergessenen, empathiebeseelten Irrläufer wird und alles Leid der Welt in sich hineinbaggernd tagein, tagaus immer nur das eine fragt: „Was macht das mit mir?“

          So wie die Besetzer des Hambacher Forstes in ihren Baumhäusern plötzlich nicht mehr wussten, wo oben und wo unten ist, als sie sich nach all den Jahren ihres widerständigen Waldlebens nun von der Bauordnung des Landes Nordrhein-Westfalen kalt erwischen ließen und sich sagen lassen mussten, dass es sich bei ihren Komfortzonen über den Wipfeln, ihren Baumhäusern, vielfach eher Palästen als Hütten, um „bauliche Anlagen“ im Verordnungssinne handle und deshalb Brandschutzauflagen zu erfüllen seien, die freilich samt und sonders nicht erfüllt würden. Es fehlte, mit anderen Worten, den Baumhäusern an Löschzufahrten und Rettungswegen, an Feuertreppen und Notgeländern, weswegen für die Besetzer Gefahr im Verzug sei und der ganze Spuk jetzt Knall auf Fall ein Ende habe. Die Räumungskomitees agieren seitdem nach der Devise: Friede den Hütten, Krieg den Palästen.

          Man glaubt es ja kaum, aber das große Fanal für den Klimaschutz dieser Erde, das bewaldete Symbol für den Umweltschutz und gegen die letzten Mohikaner der Kohleverstromung, gegen diese hinterwäldlerische Laschet&RWE-Seilschaft, all das war weg vom Tisch, aus die Maus. Nicht weil ein zäher ideologischer Kampf endlich entschieden worden wäre, sondern weil sich handstreichartig der Rechtspositivismus in Stellung gebracht hatte: als Brandschutzverordnung. Hatten die Besetzer denn keine Hans-Christian Ströbeles, versierte Rechtsberater aus alten Protestzeiten, im Rücken, welche für den rechtlichen Abgleich der Hambacher Revolte hätten sorgen können und die insbesondere vor der Verbürgerlichung des Protests hätten warnen können, vor dem Wahn, die Baumkrone als Wohnort mit Küche, Diele, Bad und Gäste-WC auszugestalten und damit den Wächtern der baulichen Anlagen, ihrer den Weltenbrand befördernden Brandvorsorge, den Zugriff zu ermöglichen?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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