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Brandenburg : Völkermord an Armeniern vom Lehrplan genommen

In der armenischen Gedenkstätte Tsitsernakaberd in Eriwan Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Im Schuljahr 2002 nahm das Bundesland Brandenburg den Völkermord an den Armeniern in den Geschichtslehrplan auf. Jetzt hat es ihn - nach „diplomatisch-internationalem Unmut“ - wieder gestrichen.

          Im Schuljahr 2002 nahm das Bundesland Brandenburg, als erstes und zum ersten Mal in Deutschland, den Völkermord an den Armeniern in den Geschichtslehrplan auf. Das Beispiel hat keine Nachahmer gefunden, und seit Jahresbeginn ist der kleine Klammersatz zum Thema "Entgrenzung von Kriegen; Ausrottung und Völkermord (zum Beispiel Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens)" gestrichen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Um des lieben Friedens willen erläßt man treuen Freunden schon mal einen Völkermord - ein Geschenk der brandenburgischen Politik an dem verstimmten EU-Beitrittskandidaten Türkei, der den Genozid leugnet und alle, die das in der Türkei anders sehen, mit Gefängnis bedroht. Und zugleich droht eine Handreichung für deutsche Geschichtslehrer, etwa zweihundert Seiten stark und die sechsmonatige Arbeit der Wissenschaftler um Mihran Dabag vom Bochumer Institut für Diaspora- und Genozidforschung, nun Makulatur zu werden, denn sie wurde von Brandenburg wieder abbestellt.

          Bildungsministerium: „souveräne Entscheidung“

          In Potsdam gehen Gerüchte um, der türkische Gesandte habe Anfang Januar bei der Landesregierung so lange gegen diese Einmischung in türkische Erinnerungsstrategien interveniert, bis diese die Streichung anbot. Doch die Staatskanzlei schweigt sich darüber aus, und seitens der CDU ist zu hören, man wolle den Koalitionsfrieden nicht stören. Das sozialdemokratisch geführte Bildungsministerium läßt über seinen Sprecher Hainz schließlich ausrichten, es handle sich um "eine souveräne Entscheidung" seines Hauses. Es habe "tatsächlich diplomatisch-internationalen Unmut" gegeben; die "Reduktion auf ein Beispiel werde dem Thema nicht gerecht".

          Wer sich hinter dem "Unmut" verbirgt, bleibt im Ungefähren. Doch aus Belgrad, Ruanda oder Phnom Penh wird er nicht gekommen sein. Auch könnten Lehrer, so Hainz weiter, sofern sie das wünschten, wie bisher verfahren. Doch welcher Lehrer wird aus der Tatsache, daß im jedermann, auch via Internet zugänglichen Rahmenlehrplan der Verweis auf andere Genozide gestrichen wurde, ausgerechnet die eigensinnige Schlußfolgerung ziehen, jetzt erst recht darüber aufzuklären? Und vor allem: Warum hat man den Eindruck einer "Reduktion" nicht aus der Welt geschafft, indem man ein Komma einfügte und noch auf Ruanda, die Hereros, Bosnien und andere Schrecknisse des zwanzigsten Jahrhunderts verwies?

          Die Armenier als Terroristen und Verräter

          Die Türkei weigert sich bis heute, die Verantwortung für den Armeniergenozid zu übernehmen, dem anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen und der mit der Liquidation sämtlichen armenischen Eigentums auf türkischem Boden und der Zerstörung von mehr als 1500 Klöstern und Kirchen einherging. Was sie darüber denkt, ist auf der Website der Botschaft nachzulesen. Unter "Türkische Außenpolitik" findet sich der Link zu "Armenische Behauptungen", nach deren Studium der Leser den Eindruck gewinnen kann, nicht die Armenier seien zwischen 1915 bis 1917 Opfer eines Ausrottungsfeldzuges geworden, sondern die Türken, deren "Verluste" die der Armenier weit überstiegen hätten.

          Auch hätten die Armenier, Terroristen, das Vaterland an Rußland verraten und ihre "Umsiedlung" (in die syrischen Wüsten und den Tod) gewissermaßen "als unvermeidbare Reaktion" selbst erzwungen. Die Behauptung, Adolf Hitler habe sich (auf dem Obersalzberg im Zweiten Weltkrieg) mit seinem Satz, wer rede denn heute noch von den Armeniern, auf die "osmanischen Armenier" bezogen, sei zudem eine Lüge, was jeder daran erkenne, daß man sie "bei den Verhandlungen in Nürnberg nicht als Beweismaterial zugelassen hat".

          Brumlik: zwei Skandale in der Affäre

          Steffen Reiche, Initiator der offenbar kühnen Lehrplanidee und damals noch Bildungsminister, hatte 2002 über seine Pläne beim Internationalen Forum "Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung" in Stockholm berichtet. Die türkischen Vertreter waren hell empört, wohl auch, weil Reiche seinen Ausbruch aus dem politischen Schweigekonsens der Deutschen unter anderem damit begründete, daß Potsdam auch die Stadt des "Weißen Raben" Johannes Lepsius sei. Nach Lepsius, dem viele Armenier ihre Rettung verdankten und wir, wollten wir es denn wissen, die erste Dokumentensammlung zum Völkermord, wurde nach viel "diplomatisch-internationalem Unmut" erst kürzlich eine Straße in Potsdam benannt. Auch die Sanierung seines zerbröselnden Hauses konnte türkischer "Unmut" lange Zeit verhindern.

          "Es stecken zwei politische Skandale in dieser Affäre", sagt Micha Brumlik, Direktor des Frankfurter Fritz Bauer Institutes (Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust). Der eine betreffe die Türkei, die sich weigere, allgemeine menschenrechtliche Standards anzulegen, und die somit auch die Erinnerung an die Verantwortung der jungtürkischen Regierung für den Genozid an den Armeniern 1915 vertuscht. Doch das sei nichts Neues. Deshalb sei der zweite Skandal der eigentliche, denn er betreffe Deutschland. "Wenn wir richtig unterrichtet sind, haben sich die brandenburgischen Behörden dem Druck von Diplomaten oder wem auch immer gebeugt und ihre eigene Entscheidung zurückgenommen. Das empfinde ich als für unser Land empörend." Vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte sollten wir keinesfalls über andere den Stab brechen. Doch nicht zuletzt wegen des berüchtigten Hitler-Zitates habe Deutschland allen Grund, sich mit dem Völkermord an den Armeniern zu befassen. Brumlik hält es für geradezu grotesk, im sechzigsten Jahr nach Kriegsende eine derartige Korrektur vorzunehmen.

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