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Gedanken lesende Autos : Dreckskarre

Das Fahren noch aufregender und erquicklicher: Daniele Schillaci aus der Chefetage des Konzerns bejubelt Nissans „Brain to Vehicle Technology“. Bild: AFP

Sie sollen Manöver vorhersehen und ausführen: die mit Nissans „Brain to Vehicle Technology“ ausgestatteten Autos. Ob es für das Miteinander dienlich ist, Signale direkt aus dem Hirn zu erkennen?

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          Als im Sommer die Runde machte, dass die autonomen Fahrsysteme des Autobauers Volvo im Umgang mit Kängurus so ihre Schwierigkeiten haben, war die allgemeine Erheiterung groß. Jetzt verkündet ein Konkurrenzunternehmen die Auseinandersetzung seines künftigen Fahrassistenzsystems mit einer ähnlich sprunghaften Größe nicht nur des australischen Straßenverkehrs: den Köpfen der Fahrer.

          Die mit Nissans „Brain to Vehicle Technology“ ausgestatteten Autos sollen Signale direkt aus dem Hirn hinter dem Steuer erkennen und etwa beabsichtigte Manöver – eine Lenkbewegung, einen Tritt auf die Bremse – gleichsam vorhersehen und schneller ausführen können. Das Fahren werde so noch aufregender und erquicklicher, jubelt Daniele Schillaci aus der Chefetage des Konzerns, und der Leiter des Entwicklerteams, Lucian Gheorghe, nennt die möglichen Anwendungen der neuen Technologie gar unglaublich.

          Die Zeiten, in denen wir unser Gefährt mit einem aufmunternden „Komm schon“ zum Anspringen gleichsam überreden wollten oder mit einem „Dreckskarre“ unter sanften Druck zu setzen versuchten, sind lange vorbei. Längst gilt der Austausch vorrangig dem Navigationssystem, und beschimpft werden zumeist die anderen Verkehrsteilnehmer. Dass sich unser vierräderiger Freund kommunikativ vernachlässigt fühlen könnte, müssen wir ihm also nachsehen.

          Ob es allerdings dem Miteinander dienlich ist, wenn er sich künftig aufs Gedankenlesen verlegt? Woher will er überhaupt wissen, welche unserer Hirnsignale einer Handlung vorausgehen und welche sie nicht etwa ersetzen sollen? Schließlich verfluchen wir doch die ganzen Vollidioten, Penner und Deppen in den anderen Autos, denen man – „Pass bloß auf!“ – am liebsten gleich eine reinhauen würde, um ihnen eben keine reinzuhauen. Aber ist Autofahren nicht immer auch eine Stimmungs-, eine Temperaments-, vielleicht sogar eine Mentalitätsfrage?

          Was weiß denn Nissan schon von schlechter Laune, der Neigung zu Wutausbrüchen oder Ordnungsliebe? Neulich beim Weihnachtsplausch überraschte uns der indische Teil der Familie mit der Aussage, hier in Deutschland um keinen Preis der Welt autofahren zu wollen. Daheim, da könne alles passieren, und zwar jederzeit, kein Problem. Aber hier – diese ganzen Regeln, Pflichten, Markierungen und Kontrollen. Ein Graus, ein Stress!

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          Was Nissan wohl für Signale deuten müsste, wenn wir uns umgekehrt in Indien hinter das Steuer eines solchen Wagens setzten, möchten wir gar nicht wissen. Oder in Japan, wo das System immerhin Gedankenlesen gelernt hat? Ist es nicht lauter innerliche Verbeugungen vor dem Gegenverkehr gewöhnt? Oder unterdrückte Ninja-Schreie? Einer im Frühjahr 2015 veröffentlichten Studie zufolge gelten wir Deutschen nicht nur uns selbst, sondern auch den befragten Griechen, Spaniern und Polen als die rücksichtsvollsten Autofahrer Europas.

          Zu Unrecht: Nicht nur unsere Neigung, andere Verkehrsteilnehmer mit Worten und Gesten zu beleidigen, liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt. Auch im Drängeln sind die Deutschen Meister. Selbst wenn es darum geht, aus dem Wagen zu steigen, um eine Auseinandersetzung direkt auszutragen, liegen wir 3 Prozentpunkte über dem Mittel. Davor immerhin könnte uns die „Brain to Vehicle Technology“ künftig bewahren – und rechtzeitig die Zentralverriegelung auslösen.

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