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Botschaften : Sonne im Bauwerk - Botschaften des Südens

  • -Aktualisiert am

Ein stolzer Block für kühle Sonnenstunden: Indische Botschaft Bild: dpa

Botschaftsbauten transportieren Identität. Nicht Folklore. Mexiko: Licht und Geometrie. Indien: Zylinder und Freitreppen. Israel: Sechs Säulen und ein Stück Klagemauer.

          Flachdächer, weißblitzende Mauern, ein geschützter Patio: Im Süden baut man anders. Wenn sich Staaten aus Südamerika und anderen südlichen Regionen in Deutschland präsentieren wollen, müssen sie eigentlich auch ihre Architekturspezifika importieren; nur passt das an die Spree? Drei gelungene Versuche, diese Klippe geschickt zu umschiffen, bieten die Botschaften von Mexiko, Indien und Israel.

          Der Zutritt in die Mexikanische Botschaft gelingt über die Klingelhöferstraße. Ursprünglich war hier ein World Trade Center geplant. Jetzt liegt nebenan Skandinavien und gegenüber das Diplomatenviertel Tiergarten. Die Zeiten haben sich nach dem Fall der Mauer eben geändert. Mit dem Betreten der Eingangshalle ist ein anderes Land erreicht. Hinter einer hohen aber nicht gigantischen Fassade.

          Léon, Wohlhage, Wernick heißen die mexikanischen Architekten mit Sitz in Berlin. Entstanden ist eine Architektur, die der Sonne und dem Schatten geschuldet ist; Licht tritt an den Rändern und durch eine Lichtdecke ein. Der Putz ist rau. Bilder von Mallorca, Griechenland und Mexiko jagen durch den Kopf. Das runde Atrium könnte aztekisch sein. Auch die terrassierte Bepflanzung entspricht der Vegetation Mittelamerikas. Mexiko leide unter Klischeevorstellungen der Europäer, die immer nur Sombrero, Tequila und Azteken denken, schrieb der Berliner Kritiker Falk Jaeger. Um diesem Vorurteil zu entkommen, hätte Mexiko einen Weg der „Archaik, Monumentalität und unstrittig moderner Architektursprache“ gewählt.

          Mexikanischer Le Corbusier

          Landestypisch ohne peinliche Folklore, das ist es, was sich viele Dritte-Welt- und Aufbruchsstaaten für das europäische Industrieland Deutschland ausgedacht haben. Die mexikanischen Erfolgsarchitekten de León und Serrano haben ein Mixtum aus Licht und Geometrie gebaut. So wie einst der große Schweizer Le Corbusier. Nun könnte man im Detail die Qualitäten vergleichen, auf die eine oder andere Schlampigkeit in der Verarbeitung hinweisen, über die Störung des Lichttempels durch einen rüden HighTech-Fahrstuhlturm diskutieren. Nein, das Gebäude der Mexikanischen Botschaft rührt an Seele und Herz der Besucher. Und damit hat es seinen Zweck eigentlich erfüllt.

          Ein greifbares Stück Indien

          Über Baufehler und Wasser im Keller wird auch in der indischen Botschaft diskutiert. Überraschenderweise heißen die Architekten wieder Léon, Wohlhage, Wernik. Ihre Bautechnik steht unter deutscher Kontrolle. Da sind die indischen Diplomaten ratlos, warum eine Kellerüberschwemmung ausgerechnet in Deutschland passiert? Dies ist dann aber auch schon das Ende der schlechten Nachrichten; denn die indische Botschaft am Tiergarten gilt als sehr gelungen und typisch indisch. Auch wenn Hilde Léon ihr Indienbild auf einer kurzen Studienreise skizzieren musste. Immerhin arbeitete mit dem bangalesischen Projektleiter Abdullah Motaleb jemand vom indischen Subkontinent entscheidend mit.

          Wenn man heute von einem „greifbaren Stück Indien“ spricht, dann ist der rötliche Fassadensandstein aus Rajasthan dafür verantwortlich. Vielleicht sind es auch spezielle Raumteiler im Innern, die Jali, die so kunstvoll aus Ton gefertigt wurden, dass man kaum glauben kann, dass sie häufig am Straßenrand entstehen. Wer die Jali erleben darf, ist schon weit ins Innere des Hauses vorgedrungen. Für die Öffentlichkeit ist vorn im eingeschnittenen Trichteratrium schon Schluss.

          Und dennoch bleibt dieses Stück Indien auch von außen und von den Nachbargrundstücken her greifbar. Die Architekten sprechen von einem „Spiel von Masse und Leere“. Das ist schön, aber abstrakt. Konkreter sind die Anspielungen auf Indiens Klima und dessen Architektur. Mit der deutlichen Form des Zylinders, mit Höfen und dynamischen Himmelsleitern als Freitreppen kommt eine sanfte Erinnerung an das weltberühmte Observatorium Yantra Mantra in Jaipur auf.

          Unaufdringlich, aber bestimmt den Bogen zum eigenen Land schlagen, vielleicht zum Reise-Verführer werden - das eigentliche Anliegen der südländischen Botschaftsbauten im neuen Berlin.

          Die Klagemauer von Schmargendorf

          Auch der Staat Israel mit seiner ersten Botschaft auf Berliner Boden versucht es auf diese Weise, allerdings überrascht er zunächst einmal mit einer großen Fassadengeste. Nein keine Säulen, aber eine geschickte Applikation davon: Säulendekor oder Steinbroschen an gläsernen Vorhangfassaden in Schmargendorf, in einer Villenstraße. Eine Fassadengirlande, die zum Nachdenken auffordert. Hebräische Schriftzeichen in Übergröße? Erinnerung an sechs Millionen getötete Juden, weil es sechs Formen sind?

          Wer die notwendigen Sicherheitsfilter überwindet, trifft auf ein gastliches Haus - nebenan in einer alten Villa der 30er Jahren residiert der Botschafter. Der lädt inzwischen gern zu Kammerkonzerten ein. Im Garten stehen zwei Bäumchen, die von den beiden Außenministern Perez und Fischer symbolträchtig gepflanzt wurden: Wilder Apfelbaum, heißt es. Sie sehen stämmig aus. Dahinter und im ganzen Haus grüßt eine gebogene Mauerscheibe. Ihr Stein erinnert an die Jerusalemer Altstadt, vielleicht auch an die Klagemauer, immerhin stammt er aus Israel.

          „Das schönste Botschaftsgebäude, das das Land besitzt“, sagt dessen israelische Architektin Orit Willenberg-Giladi stolz. Und wahrscheinlich hat sie Recht.

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