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Botho Strauß zum Siebzigsten : Alles Geheime steht im Gesicht

Botho Strauß, aufgenommen in der Uckermark Bild: Wolfgang Stahr/laif

Er ist der Deuter unserer Tagträume und fühlt sich auch Nicht-Lesern verbunden. An diesem Dienstag wird der Dichter Botho Strauß siebzig Jahre alt.

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          Kennt das 21. Jahrhundert noch Dichter? Duldet es solche Existenzen noch, oder besteht es auf dem Typus des publizierenden Öffentlichkeitsfaktotums und ignoriert alles andere? Wer der Schrift wirklich verbunden sei, sei immer auch jenen verbunden, die niemals lesen, hat Botho Strauß einmal geschrieben und erklärt, warum der Schreibende auch ungelesen in unmittelbarem Kontakt zu seinem widerspenstigen Publikum steht: Wer Dichter ist, der ist der „auftraglos Beauftragte“ der „Nie-Leser und der sonstwie Abgelenkten“.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Das große Heer der „sonstwie Abgelenkten“ ist das Personal, das seit mehr als vierzig Jahren durch die Theaterstücke und Prosatexte von Botho Strauß irrt und taumelt, wobei es der spärlichen Grundausrüstung ihres wenig gepflegten Wahrnehmungsapparates geschuldet ist, dass sie das eigene Taumeln und Irren für forsches Voranschreiten halten. Die Ahnungslosigkeit ist ihre letzte Unschuldsressource; Funktionslust und Weltbeholfenheit zeichnen sie aus. Ihre Stimmungen, Ansichten und Überzeugungen ziehen dahin wie Wolkenschatten über einer Weide, wechselhaft, unbeständig, flüchtig. Ihre Befindlichkeiten zu sondieren, das ist, „als wollte einer Badeschaum an die Wand nageln“.

          Ein Facettengebilde von einsamen Augenblicken

          Im Badeschaum an der Kachelwand skizziert der Dichter lauter Umrisse: von Köpfen, Typen, Debatten - bis der Eindruck entsteht, hier bringe einer die Gesellschaft auf den Begriff, indem er den in ihr gerade vorherrschenden Typus präsentiert: vom beziehungsverkaterten Buchhändler Richard Schroubek, der in der Erzählung „Die Widmung“ von 1977 zu einem „Sozialfall der Liebe“ wird, bis zum namenlosen „Athanatoiden“, dem „Nichtsterbenkönnenden“ als neuestem Ungetüm aus dem medizinisch-technischen Komplex: „ein Gezücht des unvergänglichen Vergehens“.

          Die griechische Mythenwelt wird in solchen Miniaturen nicht nur herangezogen, sondern auch erweitert. Auch das Selbstbild speist sich aus der Antike, wird aber unentwegt mit heutigen Verhältnissen in Beziehung gesetzt: Der Schriftsteller betrachtet sich als Idioten im Sinne des griechischen Wortes „Idiotes“, mit dem in der Polis Bürger ohne politisches Amt bezeichnet wurden. Strauß, der auftraglos Beauftragte, definiert sich als Randfigur, als Beiseitesteher, der die Einsamkeit als Erkenntnisinstrument benutzt wie ein Chirurg das Skalpell, mit dem er die Wunde offenlegt: „,Du bist jeder einsame Augenblick‘, heißt es bei Borges, und so stelle ich mir die Zeit als ein Fliegenauge vor, ein Facettengebilde von einsamen Augenblicken, durch das allein der Mensch sehen und erkennen kann.“

          Der Gebärdensammler

          So arbeitet der Dichter nicht als Empiriker, sondern als „Endlos-Ermittler in der Sprache“, der auf die Anschauung gleichwohl angewiesen bleibt. Denn auch als Prosaautor, der sich in den letzten fünfzehn Jahren überwiegend mit den Formen Skizze, Miniatur, Fragment beschäftigt hat, ist Botho Strauß ein Physiognomiker eigenen Zuschnitts geblieben: „Das Gesicht muss wie der Traum gelesen werden“, hieß es 1981 in „Paare, Passanten“, eine Forderung, die gut zwei Jahrzehnte später in „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ ergänzt wird: „Alles Geheime steht im Gesicht.“ Es ist das aktivste soziale Organ des Menschen, und es ist „die Blöße selbst“.

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