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Botho Strauß zum Siebzigsten : Alles Geheime steht im Gesicht

Als „Gebärdensammler“ hat sich der Dramatiker betrachtet und das Theater als Medium im Wortsinn benutzt: als „das den Durchschein Verkörpernde“. Auch in der Prosa lässt er Körper sprechen. In seinem autobiographischen Text „Herkunft“, einem der schönsten Bücher dieses Herbstes, entsteht aus der Vergegenwärtigung der Hände des Vaters und ihrer Bewegungen die ganze Person, die ganze Existenz: „Wenn ich also Gebärde um Gebärde sammelte, so ließe sich daraus das ganze kümmerliche und würdevolle, bittere und mutige, das schmerzlich-gefestigte Leben dieses Mannes heraufbeschwören ...“

Das Scheitern verbindet

Den Händen des Vaters, der im Ersten Weltkrieg ein Auge verlor, Fabrikbesitzer wurde und nach der Flucht in den Westen als fast Sechzigjähriger noch einmal eine neue Existenz aufbauen musste, werden die Hände der heutigen Zeit gegenübergestellt: Hände, die sich zu schämen scheinen, wenn sie irgendwo offen daliegen, und schnell unruhig werden. An sich selbst pflückende und zupfende, sich verhaspelnde, unstete Hände: „Viel hätte passieren können und nichts ist passiert. Das ist ihr ganzer Ausdrucksgehalt. Verschonte kleine Greifer!“ Das sind die Hände der alten Bundesrepublik.

In „Herkunft“, seinem persönlichsten Buch, schlägt Botho Strauß einen deutschen Bogen bis zurück in die Kaiserzeit, in der der Vater geboren wurde, dem er sich im Alter wieder eng verbunden weiß, nicht zuletzt durch eine bürgerliche Moral des Scheiterns: „Tiefer als alles Geschehene oder Geschichte verbindet das Scheitern.“

Der frühe Botho Strauß war der Beobachter immer schon zum Scheitern verurteilter Paarbeziehungen, der späte gibt Frauengestalten Namen wie „Das Problem“ und „Die Lösung“ und muss den Altersunterschied zwischen beiden Figuren nicht betonen. Die Leichtigkeit des Boulevardtheaters blitzt mitunter immer noch auf, der Zorn hat nachgelassen, die Urteile sind nicht milder geworden, werden aber milder formuliert. Die Apokalypse passt jetzt in die Kalendergeschichte nach Art Johann Peter Hebel. In der letzten der 41 Miniaturen des Bandes „Mikado“, der 2006 erschien, klettert der Ich-Erzähler in einer ungeheuren Anstrengung die glatte Betonwand einer Talsperre empor, hinter der das gesamte Wissen der Menschheit gespeichert ist, ein Stausee der Erkenntnisse, Träume, Chiffren und Symbole. Aber bevor das Ziel erreicht ist, bricht der Damm: „Die Flut riß alles mit sich und wälzte ein schäumendes Geröll, darunter ich.“ Ein Dichteralbtraum: von den entfesselten Fluten des Wissens mitgerissen und glattgeschliffen bis zur Unkenntlichkeit.

In „Herkunft“ zeigt sich Strauß so unverhüllt wie nie zuvor, indem er die biographischen Wurzeln vieler seiner wiederkehrenden Motive aufscheinen lässt. Selbst die bevorzugte Prosaform wird nun lebensgeschichtlich begründet: „Was mir seit jeher vorschwebte, schwebt auch heute noch: es sind die Prosascherben, die dem Flaschen-Bruch gleichen, den zerbrochenen Hälsen und Bäuchen auf dem Sims der Gefängnismauer in Naumburg, hinter der ich als Kind meinen Vater besuchte.“ In der selbstgewählten Einsamkeit seines „Labors der Abkehr“ begeht Botho Strauß heute seinen siebzigsten Geburtstag. Er ist ein Dichter für das 21. Jahrhundert.

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