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Botho Strauß : Heideggers Gedichte

  • -Aktualisiert am

Der Dichter als Wahrer des Andenkens Gottes: Martin Heidegger in seinem Arbeitszimmer Bild: Jan Roeder

Das Denken des Philosophen Martin Heidegger wandte sich im Verlauf seines Werks immer stärker dem Dichten zu. Der 81. Band der Heidegger-Werkausgabe bringt die eigenen Gedichte des Philosophen. Der Schriftsteller Botho Strauß sieht sie als Feuerprobe unserer kommunikativen Intelligenz.

          Der 81. Band der Gesamtausgabe von Martin Heidegger trägt den Titel „Gedachtes“ und enthält in vier Abteilungen Texte, die die Nähe und gegenseitige Abhängigkeit von Dichten und Denken nicht erörtern, sondern selbst erproben.

          Es beginnt mit der lyrischen Selbstvergewisserung des einundzwanzigjährigen Theologiestudenten:

          „Ich mied der Gottesnähe heldenschaffende Kraft / Und tappte irrlichthaschend durch Not und Nacht.“

          Von den Ursprüngen her denken und leben: die Philosophen Hans-Georg Gadamer und Martin Heidegger beim gemeinsamen Holzsägen

          Und mündet, etwa Mitte der siebziger Jahre, kurz vor dem Tod, in gehärteter, spröderer Form wieder in den Anfang, wie es bei diesem Denker nicht anders sein kann:

          Wege, befreiend den Schritt zurück
          für seinen Gang,
          gerufen aus Anklang,
          geringem,
          aus anderer Gegend des An-fangs.
          Und wieder die Not
          zögernden Dunkels im wartenden Licht
          der entzogenen Lichtung
          des noch sich verbergend-
          bergenden Vorenthalts:
          armutbereite Stätte sterblichen
          Wohnens.
          Doch kaum je gewährt ist
          reines Ende den Wegen des Denkens.
          Es hieße:
          noch unterwegs.














          Man sieht, dass „Gedachtes“ nicht etwa bedeutet: improvisiert und schnell notiert. Vielmehr wird im Spiel-Raum des Verses etwas gewagt, das zur Steigerung bekannter Leitworte des Heideggerschen Denkens führt. Sie werden aus ihrer gewohnten Umgebung, dem erläuternden Philosophieren, herausgehoben und zurückgeholt an die Grenze zu einer Erst-Sprache, in der Dichten und Denken noch nicht unterschieden sind.

          So wird immer wieder das Wort Vorenthalt zur Bezeichnung des Daseins genutzt, dem die endgültige Wiederkehr des Anfangs, im weiteren Sinn: die Ankunft des Gottes vorenthalten wird. „Armutbereit“ deshalb, weil es, mit Hölderlin, in dürftiger Zeit, des Gottes bedürfend, dahingebracht wird. Der Dichter, dem Heidegger sich anlehnt, ist nämlich der einzige, der stellvertretend für das vergessliche Menschentum das Andenken des Gottes erhält.

          Aus der Erfahrung des Denkens

          Wenn Denken etwas nicht enden wollend Vergängliches ist, wahre Dichtung aber in sich vollendet erscheint und damit den Ausgang ins Undenkbare öffnet, was ist dann „Gedachtes“? Ist es Denken, angehalten, in Perfektform erstarrt? Offensichtlich ist es nichts, das als Nebenprodukt beim Denken abfiele. Dennoch könnte es sich um eine Art Ausfällung handeln, die „Aus der Erfahrung des Denkens“ (so der Titel des in sechzehn Kapitel gegliederten Hauptteils des Buchs) übrigbleibt, eine kernige, kristallische Substanz.

          Der Autor selbst gibt eine Erklärung zum Charakter dieser Texte mit dem Hinweis, er habe diese und keine andere Form gewählt, um Aussagesätze, Sätze überhaupt zu vermeiden und alle „Füllwörter“ zu umgehen. „Dem äußeren Anschein ,Verse‘ und Reime – sehen die Texte aus wie ‚Gedichte‘, sind es jedoch nicht.“

          Der dichtende Denker

          Oder sind es doch? Das kann weder der Autor noch der Leser eindeutig bestimmen. Und das nicht aufgrund des permissiven poetischen Geschmacks und der Fülle der Formerweichungen, die uns die experimentierende Moderne bescherte. Der Autor ist in seinem Urteil deshalb eingeschränkt, weil für ihn in letzter Instanz nicht Klang und Melodie ausschlaggebend sind, sondern allein die Annäherung an den vorsokratischen Spruch, der vom dichtenden Denker stammt. Den Grad seiner Annäherung kann er indes nicht selber ermitteln.

          Doch suchen alle seine Verse den „Schritt zurück“ zu vollziehen, um mit dem vielmals Gesagten in die Frühe des Spruchs einzukehren, um es gleichsam wieder zu verheimlichen und in noch Unausgesprochenes zurückzuführen. Auch wenn sie, zum Angebinde gesammelt, seiner Frau, seiner Mutter zu einem hohen Geburtstag übergeben werden, enthalten sie nirgendwo etwas Hübsches, eine heitere Sentenz oder einen geistreichen Aphorismus.

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