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Boris Palmer : Pippi als Realo

Keine Angst vor der Wirklichkeit: Pippi Langstrumpf und ihr Äffchen Herr Nilsson Bild: dpa

Keine Zeiten für „Pippi-Langstrumpf- oder Ponyhof-Politik“, meint der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Mit Pippi Langstrumpf scheint er sich nicht besonders gut auszukennen.

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          Was sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer wünscht, hat er dem „Spiegel“ anvertraut: gesicherte Außengrenzen um Europa zum Beispiel, damit niemand hineinkommt, der das nicht darf, außerdem eine Schneise in das „Gestrüpp von Vorschriften“, das den Bau neuer Flüchtlingsunterkünfte behindere, unter anderem durch den lästigen Schutz für bedrohte Arten wie den Juchtenkäfer; feministisches Bewusstsein in den Reihen der Asylsuchenden wäre dagegen nicht schlecht. Er sei eben kein „Gesinnungsethiker“ wie viele in seiner Partei, die eisern bei ihrer Position blieben, selbst wenn die Welt den Bach runtergeht, sondern „Verantwortungsethiker“. Als solcher suche er den Kompromiss zwischen grünem Ideal und der Realität: „Es sind nicht die Zeiten für Pippi-Langstrumpf- oder Ponyhof-Politik.“ Diese Metaphern sind, für sich genommen, nicht neu, die Koppelung allerdings ist bemerkenswert. Denn der Ponyhof zeichnet sich gerade durch die Geschlossenheit seiner heilen Welt aus, und wer wie Palmer wirksame Grenzkontrollen fordert, arbeitet daran, sein Umfeld zum Reiterparadies zu machen - und sei es aus Rücksicht auf den Wähler.

          Was aber hat es mit Pippi Langstrumpf auf sich? Der grüne Oberbürgermeister Palmer bedient sich hier einer Metaphorik, die man von Andrea Nahles kennt - unvergessen ihr Gesang der Pippi-Langstrumpf-Titelmelodie Anfang September 2013 im Bundestag, gerichtet an den politischen Gegner, dem sie kurz vor der Wahl Wunschdenken statt Pragmatismus vorwarf. Das Video dieses Auftritts fand im Internet weit mehr als eine Million Interessenten. Und wer von Nahles’ unsicherer Intonation auf eine fragwürdige inhaltliche Grundlage des Zusammenhangs zwischen Pippi Langstrumpf als Person und einer gewissen Realitätsblindheit schließen wollte, war auf der richtigen Spur.

          Denn das stärkste Mädchen des Universums fällt in Astrid Lindgrens Büchern ja gerade nicht durch träumerische Weltflucht auf. Man müsste sie eher eine entschlossene Interventionistin nennen, die sich etwa die fiesen Jungs, die Schwächere tyrannisieren, entschlossen zur Brust nimmt und auf Bäume oder Gartenzäune befördert. Wer bei ihr einbricht, um sie zu bestehlen, trifft auf die entschiedene Abwehr der Hausbesitzerin, die dann freilich, als die Machtverhältnisse geklärt sind, eine Art Resozialisierungswerk an den Dieben betreibt. So gesehen, ist die inkriminierte Pippi-Langstrumpf-Politik, die entschlossen auf die Anforderungen der Wirklichkeit reagiert, gar nicht so weit weg von Palmer. Mit einem Unterschied: Pippi agiert, wie sie es für richtig hält, klug und angemessen. Aber sie ist Autokratin in ihrer Welt und muss sich um die Wünsche und Ängste von Wählern nicht scheren.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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