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Palmer und Berlin : Vorher, nachher

Ordnung muss sein. Aber auch nicht zu viel, wir sind ja keine Roboter. Bild: dpa

Wie erzieht man ein Kind zur Ordnung, ohne es zu einem blind funktionierenden Apparat zu machen? Vielleicht funktioniert das in einem nichtfunktionierenden Teil Deutschlands am besten.

          Ist nicht die eigentliche erzieherische Herausforderung jene, wie den Kindern neben der Ordnung auch die Subversion dieser Ordnung beizubringen ist? Ein Gefühl zu entwickeln für die Spielräume der Unvernunft, welche die vernünftige Ordnung bietet, ist der Testfall gelingender Erziehung. Jeder Mutter, jedem Vater sowie dem ganzen pädagogischen Begleitpersonal dürfte der Schrecken vertraut sein, welcher den wohlmeinenden Erzieher immer dann überkommt, wenn er das Kind im Geiste des funktionierenden Teils Deutschlands zurechtweist.

          Hoffentlich, so denkt sich so jemand insgeheim, hoffentlich nimmt das Kind nicht alles, was ich ihm da jetzt sage, für bare Münze. Denn das wäre ja ganz fürchterlich, wenn das Kind, um ein Beispiel zu nennen, nach meiner Standpauke „Erst überlegen, dann handeln, du Dussel!“ meinen würde, es ginge zur Verwirklichung des idealen Menschentums tatsächlich darum, erst zu denken, dann zu handeln.

          Der nichtfunktionierende Teil Deutschlands

          Wiewohl letztere Maxime im beanstandeten Einzelfall (das Kind hatte den Haustürschlüssel von innen stecken lassen) nicht verkehrt ist, so taugt diese Maxime doch nicht als allgemeines Gesetz; und sollte das Kind meine Ermahnung irrigerweise derart universal aufgefasst haben, so wäre ich auf dem besten Wege, aus ihm einen funktional abgerichteten, auf Nachahmung des Angesagten gerichteten Menschen zu machen. Ich wäre, mit anderen Worten, auf dem besten Wege, aus meinem Kind ein Funktionierkind zu machen, für welches Leben hieße, jedem Element der einen Menge genau ein Element der anderen Menge zuzuordnen, die abhängigen Variablen auf die unabhängigen zu beziehen, kurzum: Ein Kind würde herangezogen, das zuvörderst wüsste, welche Knöpfchen wann zu drücken sind – eine im funktionierenden Teil Deutschlands wohlbekannte und herangezüchtete Deformation.

          Dass man die Knöpfchen zu kennen hat, ist keine Frage; aber den besseren Teil zu erwählen bedeutet doch noch etwas anderes, wie Heinrich von Kleist in seiner Schrift „Von der Überlegung (Eine Paradoxe)“, einer fiktiven Rede an einen Sohn, schreibt: „Die Überlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der Tat.“ Trete die Überlegung aber vorher oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst ins Spiel, so erklärt es der antifunktionalistisch brennende Dichter, dann „scheint sie nur die zum Handeln nötige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken“.

          Das muss hier als Vorrede genügen, um nun abermals, wie an dieser Stelle schon neulich, über Tübingens grünen Oberbürgermeister Boris Palmer den Kopf zu schütteln. Hat der doch eben, in Fortsetzung seiner Selbstexplikation als „spießbürgerliche baden-württembergische Grünen-Pflanze“, wissen lassen, er denke, immer wenn er in Berlin ankomme: „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands!“ Kein Wunder, dass Berlin stetig die jungen Leute anlockt und als Baby-Boom-Region gilt. Die Erzeuger wissen, was sie tun, auch wenn die Überlegung erst hinterher einsetzt. Wo könnten ihre Kinder besser fürs Leben lernen als im nicht funktionierenden Teil Deutschlands?

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