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Nachts in Tübingen : Palmer to go

Mit anderer Leute Meinung konfrontiert: Boris Palmer. Bild: Picture-Alliance

Da könnte ja jeder kommen und einem im Vorübergehen sagen, was er von einem hält: Die Belastungsgrenzen des Boris Palmer sind eher eng gefasst.

          Jetzt, wo es nur noch darum gehen kann, die Wogen zu glätten und nicht noch Öl ins Feuer des Tübinger Streits zwischen Staatsgewalt und Zivilbevölkerung zu gießen – jetzt gilt es, eine gewisse Taubheit des Gefühls anzunehmen, also die übliche Voraussetzung, um nach vorne zu schauen. Da liegt was drunter, so sagt man, wenn die Vorderseite eines Verhaltens partout nicht aus sich heraus verständlich wird, wenn also einfach kein Kohärenzkriterium aufleuchtet, mit dem sich doch noch alles irgendwie erklären ließe.

          Obwohl der Tathergang in jener Tübinger Nacht, als Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister der Stadt, auf den Pädagogikstudenten älteren Semesters samt Begleiterin traf, noch nicht restlos ausermittelt ist, zeichnet sich folgendes Szenario ab: Der Student erblickte Palmer und sagte zu seiner Begleiterin, so dass Palmer es hören konnte: „O je“, nach anderen Darstellungen „O je (oder: Ach, nee), der (Palmer, d. Red.) auch noch!“ Einen schlimmeren O-Ton als den zitierten in seinen drei Textvarianten geben die Berichte, die das „Schwäbische Tagblatt“ zu dem Vorfall publizierte, nicht her.

          Keine Eier für eine Diskussion

          Auch Palmer selbst hüllt sich auf Nachfrage des Südwestrundfunks in Schweigen, was den genauen Wortlaut des studentischen Anwurfs angeht. Er, Palmer, antwortet stattdessen mit einer allgemeinen Verhaltensvorschrift: „Im Vorbeigehen darf man niemandem zuwerfen, was man von ihm hält.“ Also ein „O je to go“ geht da schon mal gar nicht, und in dem konkretistischen Amtsverständnis des Oberbürgermeisters verantwortet der Amtsinhaber nicht nur das Große und Ganze des kommunalen Verwaltungsapparats, sondern läuft mit dem Dienstausweis in der Hand auch den einzelnen Verstößen gegen die normativen Cluster nach (Verstößen wie Falschparken oder eben: im Vorbeigehen jemandem zuzuwerfen, was man von ihm hält).

          Erst nach einigen Sekunden des Zögerns, in denen intrapsychisch Entscheidendes abgegangen sein muss, reagierte Palmer auf die despektierliche Information des Studenten, sagte dem Sinne nach: „So geht’s nicht!“ Und wollte ihm, dem Studenten, ein klärendes Gespräch aufzwingen (Sage mir, für wen halten mich die Leute und, wenn ja, warum), welches dieser jedoch abzuwehren suchte. „Der junge Mann hätte die Eier haben sollen, sich der Diskussion zu stellen“, schrieb Palmer einer verständnislosen Zeugin hinterher auf Facebook.

          Der Student hatte sie nun aber einmal nicht, die Eier; er hatte, nachdem er so etwas Ähnliches wie „O je“ gesagt hatte, zu nächtlicher Stunde augenscheinlich nur noch seine Ruhe im Sinn, wurde aber von Palmer, der wiederum auf den Eiern seines Gegenübers bestand, zu lauter Gegenrede und damit zur nächtlichen Ruhestörung provoziert, ohne deshalb dem Oberbürgermeister seine Personalien angeben zu wollen, weswegen Palmer ihn fotografierte, einer vereinfachten späteren Bußgeldeintreibung wegen, und den entsetzt Fliehenden dann noch eine Weile zu Fuß durch die Stadt verfolgte, bis ihm, Palmer, die Puste ausging. Hmm.

          Es gehört zu den interessantesten Fragen, warum jemand die Aufmerksamkeit auf dieses und nicht auf jenes lenkt, was es also etwa bedeutet, wenn Palmer in seinen politischen Verlautbarungen so nachdrücklich auf die „Belastungsgrenzen“ in der Gesellschaft hinzuweisen pflegt. Einer Antwort kommt man nur näher, wenn man den Sitz im Leben kennt, den die Begriffe für ihre Verwender haben. Palmer zieht, ist er lebensweltlich betroffen, die Grenzen der Belastbarkeit um ein „O je“ oder so. Da wundert es nicht, wenn er Belastungen sieht, wo immer er hinsieht, wie der Schuster, wenn er Leute durch die Stadt laufen sieht, Schuhe sieht. Was bei Palmer drunterliegt? Ganz ehrlich: keine Ahnung. Sicher nur etwas Persönliches.

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