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Der Premier liest : Johnsons Lektüren

  • -Aktualisiert am

Ein Mann des Buches, aber nicht unbedingt einer der nationalen Einigung: Boris Johnson. Bild: Picture-Alliance

Das bereits angekündigte Buch über Shakespeare wird Boris Johnson so bald nicht schreiben können. Sein Kulturkampf wird vorerst in die 10 Downing Street verlegt.

          Erwartungsgemäß ist Boris Johnsons schon mehrfach verschobenes Buch über Shakespeare bis auf weiteres zurückgestellt worden. Der Verlag hatte eine „einfache und lesbare“ Erklärung für das rätselhafte Genie dieser „wahren britischen Ikone“ in Aussicht gestellt, eine Erklärung, „die erfasst, was wirklich geschieht, was die Figuren treiben, was der ganze Sinn ist“ und die den Menschen „einfach und klar in den Zusammenhang seiner Zeit stellt“.

          Unterdessen werden andere Autoren versuchen, nach ebendiesen Kriterien die Vorzeichen der Ära Johnson zu deuten und aus den Widersprüchen, in denen sich der neue Premierminister schon mit seinen ersten rhetorischen Trompetenstößen verfangen hat, ein Muster zu suchen. Johnson, der sich gern an Churchill misst, hat sich im Gegensatz zu seinem Helden bei der Bildung seines Kabinetts nicht um Ausgewogenheit bemüht. Die überraschend kaltblütige Ausschaltung möglicher Zweifler straft das Versprechen des neuen Premierministers Lüge, das Land zu einen und die scheinbar unvereinbaren Kräfte innerhalb der Konservativen Partei in Einklang zu bringen.

          Mehr Disraeli als Churchill

          Mit seinem resoluten Handeln widerlegte Johnson allerdings auch die verbreitete Annahme, dass er planlos sei. In der Rezension einer überaus kritischen Biographie des flamboyanten viktorianischen Premierministers Benjamin Disraeli, mit dem der chamäleonhafte Entertainer wohl mehr gemeinsam hat als mit Churchill, vertrat Johnson die These, dass es Disraeli an einem klaren politischen Programm gefehlt habe. Er erinnerte an eine Karikatur aus der Zeit, in der Lord Abercorn dem gelassen in seiner Bibliothek stehenden Disraeli eine Abordnung ankündigt, die wissen will, wie das konservative Programm aussehe. „Eh! Oh! Ah! Ja! Ganz recht!“, erwidert der Premierminister. „Sagen Sie ihnen, mein lieber Abercorn, mit meinen Empfehlungen, dass wir uns auf die großartigen Instinkte eines historischen Volkes verlassen werden.“

          Der Satz gefiel Johnson offenbar. In der Mischung aus gespielter Vagheit und patriotischer Gesinnung hätte er von ihm selbst stammen können. Boris Johnson machte in der Rezension denn auch keinen Hehl aus seiner Bewunderung für die „phänomenalen“ Leistungen Disraelis, der den Tories erstmals beschert habe, was einer Philosophie am nächsten komme. Damit meinte er den paternalistischen One-Nation-Konservatismus, der die Spannungen in der Gesellschaft zu überwinden suchte.

          Johnsons radikale Regierungsbildung wirkt jedoch eher polarisierend. Sie ist eine Kampfansage an die sogenannte liberale Elite im Staatsdienst, bei der Notenbank, im Parlament, bei der BBC und jenen Personen und Institutionen, die Johnson den „Weltuntergangspropheten und Schwarzmalern“ zurechnet. Downing Street ist zum Hauptquartier in einem Kulturkampf geworden, der wohl noch währen wird, wenn Johnson wieder die Zeit findet, sich Shakespeare zu widmen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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