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Boom der Wohnanlagen : Vor dem Gewinn sind alle gleich

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Für die „Trutzburgen der Wohlhabenden“, wie sie unlängst das Fachjournal „Bauwelt“ bezeichnete, zahlen ihre Bewohner Unsummen. Nicht für architektonisch Herausragendes: In „The Seven“ am Gärtnertor zu Beispiel, wo ein ehemaliger Büroturm umgebaut wurde, kosten die neuen Wohnungen mit Alpenblick 22.000 Euro pro Quadratmeter. Doch der Vierkant blieb Vierkant. Mit anderen Worten: Die neue Luxusarchitektur strebt zur Uniform, an der nur Knöpfe aus Gold oder Plastik Rangunterschiede demonstrieren.

Architektonische Schwächen

Das gilt ebenso für den Norden der Republik: Neben Hamburg und seiner HafenCity erregt dort Lübeck Aufmerksamkeit mit forcierter „Nachverdichtung“. Als Außenstehender war man zunächst zuversichtlich: Der Status Weltkulturerbe schien Gewähr für qualitätsvolle Bauten. Zumal, da es sich bei dem betreffenden Gebiet um das berühmte „Gründerviertel“ zwischen Trave und Marienkirche handelt. Mit stattlichen Giebelhäusern von der Gotik bis zum Barock war es vor seiner Kriegszerstörung ein städtebauliches Juwel von europäischem Rang - und 1953 von der damals bitter armen Stadt mit schlichten Zeilenbauten und „Abstandsgrün“ bebaut worden; das alte Stadtgewebe und die geschlossenen Straßenräume waren zerrissen.

Inzwischen, nach langwierigen archäologischen Untersuchungen, partiellem Konservieren der mittelalterlichen Keller und Teilabrissen der Fünfziger-Jahre-Substanz, nimmt das „neue Gründerviertel“ Gestalt an. Vorbote ist seit 2005 ein Studentenwohnheim nahe der Marienkirche. Der Respekt davor, dass ein „Filetstück“ Lernenden statt Etablierten reserviert worden ist, macht nachsichtig für die architektonischen Schwächen: Fünf identische „Hauseinheiten“ mit Flachdach, weißen Lochfassaden und tomatenroten Blenden an den gewürfelten Dachaufbauten können zur Not als radikale Abstraktion der historischen Typologie gelten.

Aufgedonnerte Plattenbauten

Mittlerweile aber ist Wohnungsbau für gehobene Ansprüche am Zuge. Von 2013 an sollen auf den mittelalterlichen Parzellen hochwertige Einfamilienhäuser entstehen. Bauherren werden die Besitzer der Grundstücke sein, die Lübeck gewinnbringend verkaufen will. Noch ist über die Gestaltung der Häuser nicht entschieden. Doch an der zum Gründerviertel gehörigen Beckergrube veranschaulichen die 2011 fertiggestellten „Altstadt-Höfe“ eines Projektentwicklers, was zu erwarten steht: Flachdachkuben aus Betonfertigteilen, die sich mit zuweilen dunkelvioletter, meist aber grau-beige geschlämmter Ziegelverkleidung lübischen Anstrich geben ohne kaschieren zu können, dass sie gerastert sind wie das Studentenwohnheim.

Cluster nennt der Fachjargon dieses Steckspiel, das mit einigen rasanten Einschnitten im Lochfassadeneinerlei sowie französischen oder Kastenfenstern das Bedürfnis nach zeitgemäß schnittiger Gediegenheit befriedigt. Mit den verschwundenen Giebelhäusern der Lübecker Handelsherren haben diese Altstadthöfe so viel zu tun wie Seehasenrogen mit Beluga-Kaviar.

Lübecks Nachverdichtung ist stärker normiert als die Frankfurter und Münchner, aber auch billiger. Bei einem Investitionsvolumen von 40 bis 50 Millionen Euro rechnet man mit Quadratmeterpreisen von 420 Euro. Zu teuer für das Gros der Bürger aber sind all diese „Exklusivhöfe“. Und zu gleichmacherisch. Gewiss, opulter Schein bei gleichzeitiger gewinnsteigernder Reduktion auf universelle Raster ist die aktuelle Variante des „International Style“ von Stockholm bis Melbourne. Aber auch von ihr kann man individuelle, auf den spezifischen Ort zugeschnittene Lösungen fordern.

Stattdessen werden unsere nachverdichteten Zentren nivelliert. Das ist das Absurde an dieser Tendenz, die Münchner Architekten ein „Rattenrennen um jedes noch so fragwürdige Grundstück“ nennen: Der Profitzwang des freien Marktes wirkt nun so egalisierend wie vor dreißig Jahren der Sparzwang des diktatorischen Sozialismus. Damit liegt die nähere Zukunft zwischen einer auf Luxus dekorierten „Zweiten Moderne“ - und den stilistisch aufgedonnerten Plattenbauten der späten DDR.

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