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Boom der Wohnanlagen : Vor dem Gewinn sind alle gleich

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Gemeinsam ist den beiden Projekten, dass sie auf höchstem finanziellem Niveau gerade mal das ästhetische Existenzminimum erreichen. Kronzeuge ist ein Plakat, das „Frankfurts schönste Dachterrasse“ ankündigt. Doch schön ist nicht sie, die sich wenig von den Terrassen der Beton-Bettenburgen unterscheidet, die 1970 ans obere und untere Ende des Mainkais gewuchtet wurden - schön ist der Blick auf die gegenüberliegende Uferzeile mit ihren herrlichen Gründerzeitvillen.

Zauberwort „Nachverdichtung“

Frankfurts Gentrifizierung führt in architektonische Gleichmacherei und soziale Ghettoisierung. Was nützen da die erschwinglichen Mieten und der überzeugende Stil zweier einfühlsam als zeitgenössische Zitate der zerbombten Altstadt gestalteter Häuser, die am Frankfurter Dom in einem begrünten, aber ewig menschenleeren Innenhof der „Neuen Altstadt“ von 1955 entstanden sind? Die Stadt, geplagt von Wohnraummangel und explodierenden Mietpreisen, sieht den Bau bezahlbarer Wohnungen auf einem Minimum - und den zentraler, sündhaft teurer Eigentumswohnungen auf dem Vormarsch.

Das verharmlosende Zauberwort für diese Attacken (vor wenigen Tagen wurde für einen Apartmentblock in „Toplage“ Frankfurts letztes klassizistisches Kutscherhaus abgerissen) lautet Nachverdichtung. Unter dieser Losung presst man im gründerzeitlichen Westend, das in den siebziger Jahren nach Brachialabrissen in letzter Minute gerettet wurde, astronomisch teure „Wohnhöfe“ in den Bestand; für ein Nobelhotel an der „Alten Oper“ fielen uralte Bäume der geschützten Wallanlagen und Reste der Stadtmauer. Rekord 2011 für eine Eigentumswohnung an der Alten Oper: 2,5 Millionen Euro; Durchschnittspreis City: 3.300 Euro pro Quadratmeter.

Tiefgaragenplätze zum Hartz-IV-Satz

Als Freibrief für Luxusarchitektur ist die Formel von der Nachverdichtung nicht auf Frankfurt beschränkt: „Muss München dichter werden?“ fragen momentan Schlagzeilen in Bayerns Hauptstadt, die im Rennen um die teuersten Mieten und höchsten Preise für Grundstücke und Wohneigentum Kopf an Kopf mit Frankfurt liegt. Der sprichwörtliche Tropfen, der dort das Fass zum Überlaufen brachte, war das „Palais an der Oper“, 1820 von Leo von Klenze als Stadtpostamt errichtet, nun totalsaniert und mit Restaurants, Büros sowie Luxuswohnungen im fünften und sechsten Geschoss ausgestattet.

Für 300 Millionen Euro soll die Immobilie an russische Investoren veräußert worden sein; 4604 Euro beträgt die Miete für eine Drei-Zimmer-Wohnung von 87 Quadratmetern. „Schönheit, Eleganz, Luxus und Understatement“, die „im Sinne von Feng Shui harmonisiert“ für „Wohlhabende und Wohlmeinende“ offenstünden, offeriert die Werbung. Tiefgaragenplätze für 375 Euro, die knapp sieben Euro unter dem Monatsgeld eines Hartz-IV-Empfängers liegen, prangert die Lokalpresse an.

Was mit „Understatement“ gemeint sein könnte, sieht man im erneuerten Innenhof: Edelweißer Putz, französische Fenster, gläserne Schwingtüren mit Edelholzrahmen, alles präzise, schnörkellos, festlich- sachlich - „Zweite Moderne“ auf sichtlich teurem Niveau - und zugleich so uniform, dass die Münchner Hoffassaden auch Werbeträger der „Palazzi“ des Frankfurter „Main-Tors“ sein könnten. München bietet mehrere solcher Understatements: Die Lenbachgärten am Alten Botanischen Garten zum Beispiel, mit hundert Eigentumswohnungen sowie Büros und Luxushotel.

Uniforme Luxusarchitektur

Wie der Frankfurter Kubus auf die Leonhardskirche, walzen dort wuchtige Bauten namens „Max Palais“ und „Klenze Palazzo“ auf 1835 nach dem Vorbild spätantiker Basiliken errichtete die Abtei St. Bonifaz zu. Sie können trotz ihrer noblen Fassadenkosmetik nicht leugnen, dass man zwei zusätzliche Geschosse herausgeschunden hat.„Wohnen im Geist der Könige“ annonciert der Bauherr, Effizienz und scharfe Kalkulation verrät die Architektur - und gleicht, denkt man sich den aufgelegten Luxusflimmer weg, auf tragikkomische Weise den Randsiedlungen Münchens; nur Nuancen trennen die neue genossenschaftliche Wohnanlage München Neuhausen von den „Premium-Quartieren“.

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