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Bonnie and Clydes Nachlass : Aber sie waren doch Lyriker

  • -Aktualisiert am

Erklärten ihr Verbrechertum später mit einer Art gesellschaftlichem Determinismus: Bonnie und Clyde, hier dargestellt von Faye Dunaway und Warren Beatty. Bild: Picture-Alliance

Während ihrer Raubzüge schrieben Bonnie und Clyde lyrische Texte in „Gangsterese“, einer Kunstsprache des Krimis. Jetzt wird ein Notizbuch versteigert, in dem sie sich erklären. Es klingt fast nach Gangster-Rap.

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          Als „Gangsterese“ kennt man in Amerika eine Kunstsprache, die in der Depressionszeit populär wurde. Darin heißen Polizisten „coppers“, Geld „cabbage“ und Waffen auch schon mal „bean-shooters“. Viel davon findet sich in den Klassikern des hard-boiled-Krimigenres oder wurde womöglich auch nur dafür ersonnen. Den damals Lebenden war solcher Slang ferner durch Radio und Film vertraut. Bemerkenswert ist, dass auch zwei wirklich existierende Kriminelle dieser Zeit sich nicht nur dieser Sprache gern bedienten, sondern sogar Lyrik in ihr produzierten, die ihr eigenes Leben reflektierte: nämlich Bonnie Parker und Clyde Barrow, die nach zahlreichen von ihnen verübten Überfällen und Morden 1934 in Louisiana von der amerikanischen Staatsgewalt in einen Hinterhalt gelockt und erschossen wurden.

          Die Signatur ihrer Gegenwart tritt in dieser Lyrik in kuriose Verbindung mit einem antiquierten Englisch: „We donte want to hurt anney one / But we have to Steal to eat / And if it’s a shoot out to / To live that’s the way it / Will have to bee“, heißt es in einer Art Ballade, die Barrow in ein grünes Notizbuch schrieb, das als Kalender für das Jahr 1933 gedacht war. Wie der „Guardian“ berichtet, wird dieses Buch im April versteigert, Barrows Neffe hat es zur Auktion gegeben. Die Rechtschreibfehler des Gedichts seien typisch für Barrow, heißt es beim Anbieter „Heritage Auctions“, der Bonnie und Clyde als „Folk Hero Outlaws“ bezeichnet. Die Überhöhung des berüchtigten Gangsterpärchens zu Volkshelden im Stile Robin Hoods, für die schon manche fiktionale Verarbeitung seiner Geschichte kritisiert wurde, hat offenbar bis heute für manche ihren Reiz.

          „Their nature is raw“

          Ursprung für alle Überhöhung könnte ein Gedicht sein, das Bonnie Parker zugeschrieben wird und bereits 1934 in einem Memoir ihrer Verwandten abgedruckt wurde. Auch dieses Gedicht kommt nun im angeblichen Bleistift-Original zur Versteigerung. In der gereimten „Story of Bonnie and Clyde“ werden die beiden mit Jesse James verglichen, ihr Verbrechertum hernach mit einer Art gesellschaftlichem Determinismus erklärt: „The law fooled around/Kept taking him down“, erfährt man über Clyde Barrow – da musste er ja aufbegehren und selbst zum Mörder werden, soll man wohl daraus schließen.

          Kritisiert wird in dem Gedicht ferner die Darstellung von Bonnie und Clyde in den Medien als herzlose Killer. „They’re not as ruthless as that“, entgegnet es, sie seien einfach nur roh von Natur aus: „Their nature is raw/They hate all the law,/The stool pigeons, spotters and rats“, heißt es in feinstem Gangsterese für Spitzel, Fahnder und Verräter. Selbst wenn das Gedicht nicht echt sein sollte, ist es hübsch ausgedacht – und erweist sich als Vorlage für so manche seither entstandene Räuberpistole von Verbrechern aus verlorener Ehre oder auch „Natural Born Killers“. Henry Thomas Buckles Diktum „Society prepares the crime, the criminal commits it“ ist heute tief in manchem Gangster-Rap und mancher Krimi-Fiktion verankert. Die frühen Gangster-Rapper Bonnie und Clyde indes mussten ganz real erfahren, was „Isch hab Polizei“ bedeuten kann.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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